Gesellschaftskritik

Woher kommt unsere Angst vor dem Tod?

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Wie geht man richtig mit dem Tod um?

Selbst die geliebte Wissenschaft, die doch mittlerweile auf fast alles eine Antwort hat, lässt uns hier also im Stich. Von der Religion haben wir uns mittlerweile abgewendet. Und nicht einmal Freunde können uns in den meisten Fällen helfen, da die in der Regel, genau wie wir selbst, das Thema „Tod“ meist gekonnt verdrängt haben. Dumm nur, wenn es einen dann doch trifft und man völlig unvorbereitet und machtlos mit diesem schwarzen Etwas konfrontiert wird, das das eigene Leben manchmal für immer verändert.

Rechne täglich mit dem Tod

Zuerst müssen wir uns wieder, und das am besten täglich, bewusst machen, das der Tod ein fester Bestandteil des Lebens, ja des Alltags ist. Im alten Japan war es für jeden Samurai oberste Pflicht, sich täglich gewissenhaft zu pflegen, die Nägel sauber zu halten und ordentliche Kleidung zu tragen. Nicht aus Eitelkeit -sondern weil es durchaus möglich war, das man unerwarteterweise an diesem Tag aus dem Leben schied. Und für diesen Fall wollte man eine saubere Leiche abgeben, die keine Schande über sich und seine Angehörigen brachte. Diese Einstellung, dem eigenen Tod täglich begegnen zu können und dem ruhig und mutig ins Auge zu sehen, ist uns verloren gegangen. Aber die Vorstellung, den morgigen Tag nicht mehr erleben zu können, ist keine Last -sie beruhigt. Denn sie lässt uns jeden Tag, den wir „überlebt“ haben, wieder schätzen.

Lebe im Augenblick

Zudem müssen wir auch wieder lernen, in der Gegenwart zu leben. Unser gesamtes Leben ist quasi ständig auf irgendeinen Punkt in der Zukunft ausgerichtet: unsere Beföderung, der Schulabschluss, der Auszug unserer Kinder, unsere Rente, die Abzahlung eines Kredits, der nächste Urlaub. Wir leben ein geplantes Leben, in dem wir den Tod und alles unvorhergesehene als störend empfinden.

Wenn wir aber wieder lernen, im Augenblick zu leben, den heutigen Tag zu schätzen -das Leben im puren JETZT- fällt es uns nicht nur leichter, loszulassen, sondern auch zu akzeptieren, das diese Kette von „Augenblicken“ eben irgendwann einmal auch ein plötzliches Ende hat. Nur wer im Augenblick lebt, kann dann guten Gewissens gehen, ohne das Gefühl, etwas „wichtiges“ zurück oder unvollendet gelassen zu haben.

Wie aber lernt man, im Augenblick zu leben? Jeder Hund bzw. Katze macht uns das gekonnt vor. Tiere kennen das menschliche Konstrukt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht. Kleinkinder ebenfalls nicht. Sie leben in einem einzigen, langen JETZT. Und das schützt sie vor jenen Dingen, die uns, die wir ständig in vielen Zeiten gleichzeitig leben, belasten. Sie kennen keine Angst vor dem, was sein könnte, verschwenden keine Gedanken an das, was war uns sorgen sich nicht um Dinge, die noch gar nicht passiert sind.

Suche die Nähe zum Tod

Auch wenn es morbide klingt -suche die Nähe zum Tod. Und zwar, bevor er gezwungenermassen zum Thema in deinem Leben wird. Es kann helfen, ein Hospitz oder Altersheim zu besuchen und mit den Patienten und Bewohnern dort zu reden, über ihre Einstellung zum Tod und dem Leben. Über alltägliches. Über ihre Lebenserfahrungen und ihre glücklichsten Momente. Man überwindet seine Berührungsängste vor dem Tod im Umgang mit Menschen, die dem Tod nahestehen -und das kann beidseitig eine wertvolle Hilfe sein. Natürlich hilft es dabei, „deprimierende“ Orte, wie Krankenhäuser und schäbig eingerichtete Altenwohnheime zu vermeiden, falls das möglich ist. Aber oft ist es das leider nicht und da unsere Kultur nie gelernt hat, richtig mit dem Tod umzugehen, machen es einem diese düsteren Orte nicht leichter, sich mit diesem Thema anzufreunden. So ist das leider momentan -am besten fokussiert man sich deshalb auf die jeweiligen Menschen, nicht die Umgebung selbst.

Der Tod ist eine Befreiung

Gerade Menschen, die vor ihrem Tod eine längere Phase der Krankheit durchmachen, wissen den Tod als Befreiung und Erlösung zu schätzen. Er hat in ihren Augen nichts böses mehr. Es ist die „Fahrkarte nach Hause“, die einem endlich den Schmerz und die Krankheit nimmt. Auch wer keine schlimme Krankheit vor seinem Tod ertragen musste, sondern die letzten zehn, zwanzig Jahre einfach nur in einem alten, verbrauchten Körper verbrachte, der einen irgendwann nur noch ahnen liess, wie es sich einmal angefühlt haben muss, jung zu sein, weiss den Tod letztendlich zu schätzen.

Beziehe Kinder von Anfang an mit ein

Vor einigen Jahrzehnten dachte man noch, die Psyche eines Kindes wäre „instabiler“, als die eines Erwachsenen. Genau das Gegenteil ist der Fall! Gerade weil Kinder es schaffen, im Augenblick zu leben, sich viel weniger Sorgen um das Vergangene oder das noch nicht Eingetroffene machen, haben sie oft einen viel pragmatischeren Zugang zum Leben als viele erwachsene. Es spricht nichts dagegen, Kinder von Anfang an in einen Sterbeprozess mit einzubeziehen -sofern man sie dabei führt und ihnen genau erklärt, was dabei passiert. Ein Mensch, der bereits von Anfang an die natürlichen Bedingungen des Lebens lernt und erfährt, kann damit im späteren Leben besser umgehen. Wichtig ist dabei, das man Kinder vor der „Trauerwelt der Erwachsenen“ schützt, die in unserer Kultur leider noch üblich ist: traurige Gesichter, schwarze Kleidung, muffige Kirchen. Das ist es letztendlich, was sich ein Kind einprägt und genau das war oft auch unsere erste Erfahrung als Kind mit dem Tod. Die Depression der Erwachsenen. Daran sollte man Kinder hingegen nicht teilhaben lassen. Sie sollten ihren völlig eigenen Zugang und Umgang mit dem Tod entwickeln können ohne das Verhalten der Erwachsenen um sie herum zu kopieren.

Beschäftige dich mit dem „danach“

Nichts ist schlimmer, als der Gedanke, das ein Mensch mit dem Tod plötzlich aufhört zu existieren. Als wäre der Mensch nur ein biologischer Fleischsack, dessen Persönlichkeit, die wir zu lieben gelernt haben, nur durch diverse Prozesse in seinem Gehirn erzeugt wurde. Die Wissenschaft gibt uns dieses Gefühl. Im Gegensatz dazu aber sagen uns alle grossen Religionen der Welt etwas anderes: das der Tod eben nicht das Ende ist. Auch wenn wir mit Religion sonst nicht viel am Hut haben: wenn sie in Bezug auf den Tod alle in etwa das selbe lehren und es mittlerweile viele hunderttausend gut dokumentierte Fälle über Nahtod-Erfahrungen gibt, lohnt es sich, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und wenn es nur deshalb ist, um alle Seiten der Medaille zu beleuchten.

Die grösste Überraschung der letzten hundert Jahre war wohl, das sich Religion und Wissenschaft, obwohl sich beide spinnefeind gegenüber standen, inzwischen wieder mehr und mehr annäheren. Sowohl die Relativitästheorie, als auch die Erkenntnisse der Quantenphysik widersprechen vielen gemeinsamen Aussagen der grossen Religionen in Bezug zum Tod nicht – ob es um „parallele Dimensionen“ oder über Raum und Zeit hinweg verbundene Teilchen („Teilchenverschränkung“) geht.

Vielleicht stellt sich irgendwann, zur Überraschung aller, heraus, das Religion und Wissenschaft die ganze Zeit das selbe beschrieben, es nur von zwei verschiedenen Enden aus betrachtet haben. Das es nur zwei Seiten der selben Münze sind und wir nicht mehr nur „glauben“ müssen, sondern irgendwan endlich „wissen“, das da mehr ist, als nur das Leben, das wir kennen.

Dennoch: „einfach“ ist und wird der Umgang mit dem Tod nie. Der Verlust eines geliebten Menschens oder Tiers ist einfach zu einschneidend. Was uns aber helfen kann, ist unser Weltbild rechtzeitig insoweit anzupassen, das der Tod einen natürlichen Platz darin findet und wir ihn nicht mehr kategorisch ausschliessen.

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