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Chronobiologie – Unsere innere Uhr

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Jahrtausende lang konnten die Menschen im Einklang mit ihrer „inneren Uhr“ leben. Doch in der modernen Welt ist das kaum möglich. Viele Menschen führen ein Leben, das aus dem natürlichen Takt geraten ist. Schlafstörungen, Depressionen, Diabetes und sogar Demenz können die Folge sein. Wenn wir die Zusammenhänge besser verstehen, können wir gesünder leben.

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Das Licht der Sonne gibt den Takt des Lebens vor. Eine innere Uhr verbindet Menschen, Tiere und Pflanzen mit den wiederkehrenden Rhythmen der Natur: Tag und Nacht, hell und dunkel – und dem Wechsel der Jahreszeiten. Chronos, die Zeit, ist Teil der Natur. Die innere Uhr ist eine der ältesten biologischen Funktionen, die alle Organismen gemeinsam haben. Pflanzen erkennen genau, wann sie wachsen sollen. Ihre innere Uhr gibt das Signal. Tiere treffen sich pünktlich zur Paarungszeit, damit der Nachwuchs gedeihen kann. Zugvögel merken, wann es Zeit ist, ein neues Quartier anzufliegen.

Die innere Uhr ist in der Natur deshalb so wichtig, weil dank ihr alle Prozesse – vom Zellwachstum bis hin zur Ausschüttung von Hormonen – so abgestimmt werden, das er im Tagesverlauf auch Sinn macht. Über Jahrtausende hinweg haben wir Menschen ganz selbstverständlich im Rhythmus der Natur gelebt. Und damit im Einklang mit unserer inneren Uhr.

Erst mit der Industrialisierung wurde diese innere Einheit aufgebrochen: wir können Zeitzonen überwinden, wir sind mobil und arbeiten rund um die Uhr. Die globalisierte Welt kennt keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht. Und der Takt der modernen Welt schlägt immer schneller. Unsere Nacht verschwindet. Kann unsere uralte innere Uhr, unsere Chronobiologie, mit diesem Tempo noch Schritt halten?

Ein Zurück zur Natur kann es für die meisten von uns nicht geben. Aber wenn wir unsere innere Uhr besser verstehen, können wir auch in der modernen Welt besser – und vor allem gesünder – leben. Wenn wir begreifen, wie wir ticken, können wir Krankheiten besser behandeln – zum Beispiel lässt sich die Krebstherapie auf die innere Uhr der Patienten abstimmen. Die Ergebnisse sind sehr ermutigend. Eine intelligente Rheumatablette wirkt genau dann, wenn sie gebraucht wird. Wenn wir beim Lernen das richtige Licht einschalten, bleibt unsere innere Uhr intakt, und ganz nebenbei werden wir auch noch schlauer.

Als bekennender Spätaufsteher braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben: man ist nämlich nicht allein. Die Forschung zeigt: unsere Arbeitszeiten passen oft nicht zum Takt unserer inneren Uhr. Unsere moderne Gesellschaft ist für die meisten Menschen „zu früh“ dran. Es ist erstaunlich, das viele Menschen erst Jahrzehnte brauchen, um zu verstehen, was es wirklich heisst, mit einem Wecker aufzuwachen. Denn wenn man erst geweckt werden muss, ist das schon ein untrügliches Zeichen dafür, das man gegen den Lauf seiner inneren Uhr handelt. Die innere Uhr macht ganz von alleine ein Fenster auf, in dem man schlafen kann. Und sie macht dieses Fenster auch wieder von alleine zu, so das man ganz natürlich aufwachen kann.

Wenn man also vom Wecker geweckt werden muss, bedeutet das nur, das die innere Uhr noch nicht so weit war, das man von selbst aufwachen kann. Man hat also biologisch noch gar nicht zu Ende geschlafen. Und in diesem – völlig unnatürlichen – Zustand sind wir dann gezwungen, in Schule und Beruf Höchstleistung zu bringen.

Das kann nicht funktionieren.

Mit der Pubertät verändert sich die innere Uhr

Jugendliche leben also von Natur aus in einer völlig anderen Zeitzone, aus der man sie einfach mit schierer Gewalt heraus reißt.

Ein Extrembeispiel: fast alle Jugendlichen haben grosse Probleme, morgens aus dem Bett zu kommen. Ist es also wirklich sinnvoll, die Schule schon um acht Uhr morgens beginnen zu lassen? Vor einigen Jahren dachte man noch, die Jugendlichen seien einfach nur „faul“ und selbst schuld, wenn sie morgens noch müde sind. In Schlaflaboren wurde mittlerweile das Schlafverhalten von Jugendlichen analysiert.

Und alle Analysen zeigen: mit der Pubertät verändert sich die innere Uhr. Junge Menschen werden so abends erst viel später müde und sind morgens dann noch im Tiefschlaf. Bei Kleinkindern zeigt sich hier ein völlig anderes Muster: diese werden viel früher – und öfter – müde, sind dafür auch wieder in aller Frühe hellwach.

Die Schlafforscher fanden heraus: wenn man Jugendliche morgens um acht vor der Schule abfängt und sie in ein mobiles Schlaflabor steckt, schlafen sie sofort ein und fallen unmittelbar in die REM-Phase. Jugendliche leben also von Natur aus in einer völlig anderen Zeitzone, aus der man sie einfach mit schierer Gewalt heraus reißt.

Ist es dann nicht totaler Schwachsinn, diese völlig verpennten jugendlichen zu unterrichten? Was kann dabei überhaupt hängen bleiben, wenn sie in diesem Zustand gar nicht aufmerksam sein können? Gleichzeitig aber raubt man ihnen auch noch den Schlaf, der wichtig ist, um das zu verankern, was man am Tag zuvor gelernt hat.

Als Erwachsene ticken wir wieder anders. Welche Rolle spielen die Gene dabei? Auch mit dieser Frage befassen sich die Forscher mittlerweile. Die Genforschung zeigt: niemand müsste sich schuldig fühlen, wenn er morgens nicht aus dem Bett kommt. Denn wir Menschen sind so programmiert. Je nach genetischer Konstitution laufen unsere inneren Uhren schneller oder langsamer. Es gibt „spätere“ und „frühere Chronotypen“.

Auf der nächsten Seite: was ist der zentrale Taktgeber unserer inneren Uhr?

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