Gesellschaftskritik

Gewaltspiele und Amokläufe – Ein Zusammenhang?

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Der Amoklauf von München – schon wieder ist ein Mann unter 25 ausgetickt und zum Mörder geworden. Und wie üblich, melden Polizei und Medien, das auf seinem Computer das Spiel Counter Strike gefunden wurde. Was ist dran am angeblichen Zusammenhang zwischen Amokläufen und Gewaltspielen?

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Die Welt der „alten“ kommt mit ihnen einfach nicht zurecht: Computerspiele. Vor allem jene, in denen Gewalt ausgeübt wird. Seltsamerweise redet niemand über Filme, in denen Gewalt vorkommt, obwohl diese quasi 24 Stunden, sieben Tage die Woche (und übrigens sogar am Heiligabend) im TV laufen. Nein, die Computerspiele sind schuld.

Ist das wirklich so? Wird Gewalt nicht gerade in Filmen viel detaillierter dargestellt, als in Spielen? In der Regel schon.

Worauf sich Küchenpsychologen aber berufen: in Spielen hat man die Kontrolle über seine Spielfigur, entscheidet also quasi selbst, ob man tötet, oder nicht. Aber wie viel hat es mit der Realität zu tun, ob ich auf einen Pixelhaufen im Monitor schiesse, oder auf ein lebendes menschliches Wesen? Jedem gesunden Menschen sollte dieser Unterschied jederzeit klar sein – egal, wie oft man solche Spiele zockt.

Allerdings war auch jeder der Täter männlich. Müsste man dann nach der selben Logik nicht von der Annahme ausgehen, das das männliche Geschlecht allein einen schon zu einem potentiellen Amokläufer macht? Das ist Statistik für Idioten – einfach die erstbeste häufigste Gemeinsamkeit suchen.

Nein, Spiele selbst machen niemanden zum Amokläufer, genauso wenig, wie man automatisch zu einem wird, weil man ein Mann ist. Spiele sind keine Auslöser – sehr wohl aber ein Indiz dafür, das bereits eine gewisse Verrohung eingetreten sein kann. Das sie bei jedem Amokläufer gefunden wurden, zeigt eben nur, wie sehr diese Form von „Unterhaltung“ bei jungen Männern heutzutage verbreitet ist. Im Bereich des e-Sports treten mittlerweile internationale Teams in Counter Strike gegeneinander an. Es winken hohe Preisgelder und in manchen Ländern (Japan, Korea, Phillipinen) werden diese Wettkämpfe sogar im Fernsehen übertragen. Alles Amokläufer? Quatsch.

Das Geschlecht aber, ist für sich allein schon ein Unsicherheitsfaktor. Der vor allem in der Jugend sehr starke Hormonschub durch das Aggressionsfördernde Testosteron, in Verbindung mit einem noch nicht voll entwickelten Gehirn (dieses ist erst mit 35 Jahren wirklich voll entwickelt), kann einem Pulverfass gleichen, das bei falscher Erziehung und unter den falschen sozialen Bedingungen schlicht explodiert.

Gewalt als Unterhaltung?

Ja, es gehört schon eine gewisse Verrohung dazu, solche Spiele zu spielen, in denen man menschenähnliche Figuren per Kopfschuss tötet und dafür belohnt wird. Auch, wenn ca. 95% aller Männer solche Spiele und Filme mögen, sollte man es nicht als normal ansehen, das so etwas als Unterhaltung dient. Das allein zeigt aber schon, das in unserer Kultur etwas mit der Erziehung und der Sozialisation von Männern grundsätzlich nicht simmt.

Während die weibliche Rolle sich in den letzten Jahren, vor allem im Vergleich zu den letzten Jahrtausenden, enorm weiterentwickelt hat, war dies beim Mann nicht der Fall. Hier wird von Kindheit an immer noch auf „typisch männliche“ Tugenden wie Gewalt, Dominanz Durchsetzungsvermögen und Macht gesetzt, die sog. „Alpha-Tugenden“ des Leittiers.

Wer kleinen Jungs bereits Spielzeugpistolen oder seelenlose Technik-Gadgets in die Hand gibt, anstatt ihnen in einer Gruppe gleichaltriger schon so früh wie möglich soziale Fähigkeiten beizubringen, wer sie gewalttätige Filme gucken lässt (auch harmlose Filme ab 12, in denen aufeinander geschossen wird fallen darunter!) darf sich später nicht wundern, wenn es dem Sohn dann wundersamerweise an sozialen Fähigkeiten und Empathie mangelt.

Risikofaktor „Mann“?

Männer haben „Kämpfer-Gene“, sie kommen meist nicht mit Empathie auf die Welt.

Man braucht nicht zu verleugnen, das Männer bereits genetisch eine viel stärkere Neigung zur Gewalt haben. Das ist zum einen durch die natürliche Selektion bedingt (Frauen haben sich in den letzten Jahrtausenden eben lieber für den Keulenschwinger entschieden, der Haus und Hof schützen kann, als für den kultivierten Feingeist), zum anderen ist die Aggression des Mannes von Haus aus nach aussen gerichtet. Im Gegensatz hierzu richten Frauen ihre Aggressionen in der Regel nach innen (Selbstverletzung, sich selbst die Schuld geben). Männer hingegen suchen oft reflexartig die Schuld in der Aussenwelt, die ihrer Meinung nach für all ihre Probleme die Schuld trägt.

Männer haben „Kämpfer-Gene“, sie kommen meist nicht mit Empathie auf die Welt – im Gegensatz zu Frauen muss man diese bei ihnen durch eine geeignete Erziehung fördern und bestärken.

Nun kommen also schon einmal viele Faktoren zusammen: ein junger Mann, der bereits als Kind „auf Mann“ getrimmt wurde, also nie gelernt hat, seine Gefühle gegenüber anderen zu äussern oder zu zeigen und dessen einziger Umgang wohl schon von kleinauf Technikspielzeug war – und zum anderen die Heroisierung der Gewalt durch Filme und Spiele.

Zudem, und das ist leider eine durch Studien bewiesene Tatsache, bekommen Jungs weit weniger Liebe, körperliche Zuwendung und menschliche Wärme, als Mädchen. Das liegt teilweise in unserer gesellschaftlichen Kultur begründet („nur nicht verhätscheln“), aber auch darin, das Mädchen eben wissen, das man sich mit Tränen schnell mal eine Umarmung erkauft. Jungs wird beigebracht, Gefühle zu unterdrücken – und weinen geht als Junge schon mal gar nicht! Wie soll das Umfeld dann wissen, was in ihm vorgeht? Und je mehr er sich daraufhin zurückzieht, desto mehr geht auch das Umfeld auf Distanz.

Auf Männer geht man nicht zu. Auf Frauen schon.

Da Männer, die nie oder kaum soziale Fähigkeiten erlernt haben (wie z.B. Kinder, die von ihren Eltern oft vor dem Fernseher geparkt wurden) eh kaum Freunde haben, verbringen sie an sich schon die meiste Zeit allein zuhause. Und dort ist eben der Computer bzw. Computerspiele allgegenwärtig. Und Männer spielen nun mal nicht „Die Sims“ oder „Super Mario im Ding-Dong-Land“. Deshalb wurden wundersamerweise auch auf jedem sichergestellten Computer „Gewaltspiele“ gefunden.

Männer unter sich – ein Trauerspiel

Das Männer oft nicht einmal untereinander bzw. mit gleichaltrigen über ihre Emotionen und tief sitzenden Probleme sprechen können, verschärft die Situation noch einmal drastisch. Männer unter sich, das ist ein menschliches Trauerspiel. Hier wird nicht in den Arm genommen oder getröstet, man versucht sich gegenseitig mit den neuesten Technik-Gadgets zu imponieren oder gibt damit an, welches Mädchen man zuletzt „flach gelegt“ hat. Therapeutischer Nutzen einer solchen „Freundschaft“: gleich null.

Es gehört einfach immer noch nicht zum derzeit gültigen Männerbild, Gefühle zu zeigen. Erst recht nicht, wenn es um das Verhalten von Männern untereinander geht und schon gar nicht unter Jugendlichen. Zu sehr werden Jungs hier schon von klein auf zu „Kämpfern“ getrimmt, die niemals Schwäche zugeben sollen. Hier hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht wirklich viel geändert.

Wann immer Männer zusammenkommen, schaukeln sie sich so gegenseitig noch weiter auf, drängen sich gegenseitig in einer Spirale der Männlichkeit. Wer Schwäche zeigt, verliert und darf im Rudel eine untere Rangordnung einnhemen und werden gemobbt. Vor allem Jungs aus männlich dominierten Kulturkreisen landen schnell in diesem patriarchalischen Teufelskreis.

Selbst in der grössten Gruppe ist der junge Mann quasi allein mit sich selbst und seinen Problemen. Er frisst in sich hinein, lernt es nach aussen zu verbergen, um keine Schwäche zeigen zu müssen – und vergiftet sich so nach und nach selbst. Aus dem Schrei nach Liebe wird Frust, aus dem Frust letztendlich Hass. Hass auf jene Gesellschaft, die ihm ein Leben aufdrückte, das er selbst nie wollte.

Männer leiden extrem unter Sexismus

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Vieles spricht dafür, das nicht Computerspiele, sondern geschlechtsspezifische Erziehung und antiquierte Geschlechterrollen für solch gescheiterte Persönlichkeiten und viele psychischen Krankheiten bei Männern verantwortlich sind.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre: nicht Frauen sind es, die grösstenteils unter Sexismus leiden (also geschlechtsbedingter Ungleichbehandlung) – sondern Männer.

Sie bekommen weniger Zuwendung, werden strenger beurteilt, ihnen wird häufiger die Schuld gegeben, man behandelt sie emotional kühler, tröstet sie weniger, verbietet ihnen, zu weinen, steht ihnen keine tiefen Gefühle zu. Das Leben als Mann ist gerade während der Pubertät eine einsame Hölle. Wen wundert es da, das einige von ihnen unter diesen Umständen immer wieder aus dem psychischen Gleichgewicht geraten?

Während Frauen seit Jahrzehnten darum kämpfen, nicht mehr als „Frauen“, sondern als Menschen angesehen zu werden, werden Männer eben leider immer noch wie Männer behandelt – von Kindheit an. Und so gehen sie fast schon zwangsweise einen Weg der männlichen Sozialisierung, den sie gar nicht hätten gehen müssen – und oft auch nicht gewollt hätten.

Man nimmt ihnen von Anfang an die Chance, einfach nur Mensch zu sein, nicht Mann.

Viele junge Männer, vor allem jene mit tiefem Empfinden, zerbrechen unter dem Druck, „ein Mann“ sein zu müssen. Und hier sind wir auch wieder bei einem weiteren Vorurteil: das des „emotionslosen“ Amokläufers. In den meisten Fällen aber handelt es sich hier um Männer, die sogar tiefer als gewöhnlich empfinden – nur hört ihnen niemand zu, interessiert sich niemand für ihre Innenwelt. Ihre stummen Schreie nach Hilfe werden ignoriert. Und so kommt irgendwann, was kommen muss.

Es ist an der Zeit, die anerzogenen Geschlechterrollen und -Vorurteile in unseren Köpfen endlich abzulegen. Seht und erzieht endlich den Menschen im Menschen, nicht „den Jungen“ oder „das Mädchen“. Presst sie nicht aufgrund ihres Geschlechts in eine Schublade und lasst sie so werden, wie es aus ihnen herauskommt, nicht wie es ihr Geschlecht und antiquierte soziale Normen vorschreiben.

Geschlechtliche Sozialisierung ist derzeit global noch immer eines der grössten Probleme, vor allem in Familien aus patriarchalischen Kulturkreisen. Wann werden wir die Unterscheidung in zwei Geschlechter endlich überwunden haben und Jungen genauso viel Liebe, Zuwendung und Gehör geben, wie Mädchen?

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