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Meuterei auf der Bounty: Was wirklich geschah

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Vertreibung aus dem Garten Eden

Am 27. April unterläuft Bligh ein letzter tragischer Managementfehler.

Am 4. April 1789 nimmt die Bounty Abschied von Tahiti. Die Männer lassen Freunde, Geliebte und ungeborene Kinder zurück. Es ist die Vertreibung aus dem Garten Eden. Nur Bligh notiert mit leisem Stolz: „Bisher habe ich das Ziel meiner Reise erreicht“.

Um die Katastrophe, die wenig später einbrechen sollte, zu erklären, haben Wissenschaftler verblüffende Theorien aufgestellt: zu Beginn einer Beziehung spiele das Bindungshormon Oxytocin im Gehirn verrückt. Frisch verliebte seien deshalb „wie auf Drogen“. Und auch die Entzugserscheinungen seien vergleichbar.

Mit den 1015 Pflanzen an Bord muss die Manschafft sich den knappen Raum und die Wasserrationen teilen. Einige murren, das die Pflanzen kostbarer als die Besatzung seien. Der vorherrschende Ostwind trägt die Bounty rasch fort von Tahiti. Doch der Wechsel vom süssen Inselleben zur rigiden Disziplin geht Bligh nicht schnell genug. Im Grunde zu human, um seine Männer mit körperlichen Strafen auf Linie zu bringen, verschleisst sich Kapität Bligh in Streitereien.

Bligh hatte kaum Einfühlungsvermögen und konnte kaum auf Leute eingehen. So wäre ihm nie in den Sinn gekommen, Fletcher Christian zu schonen, weil dieser psychisch labil war. Und so steuerte alles auf die Katastrophe zu.

Am 27. April unterläuft Bligh ein letzter tragischer Managementfehler. Einige Kokosnüsse wurden gestohlen. Bligh lässt alle Mann an Deck antreten, um den Dieb aufzuspüren. Geradezu pflichtbesessen, züchtigte Bligh seine Mannschaft weniger körperlich, als vielmehr mit beleidigenden Worten. Er konnte sehr harsch sein. Bligh droht damit, die Hälfte der Männer über Bord zu werfen, bevor sie die Endeavour-Straße erreichen. Vor allem Christian wird während der Ansprache zum Ziel seiner Tiraden. Bligh fühlt sich von Inkompetenz und Illoyalität umzingelt. Experten glauben, er habe am Abend vor der Meuterei dagegen angetrunken.

Merkwürdigerweise erwähnt Bligh den Vorfall nicht im Logbuch. Und als sei nichts gewesen, lädt er Christian an diesem Abend zum Dinner ein. Doch der schwankt, tief gekränkt, zwischen Desertation und Selbstmord. Es scheint, als habe er mit Bligh gebrochen und nicht Bligh mit ihm. Fähnrich Edward „Ned“ Young gesellt sich zu Christian und rät ihm anscheinend, das Schiff zu übernehmen. Tagebuchschreiber James Morrison notiert die folgenschweren Worte Youngs.

Nervenzusammenbruch und Meuterei

Wollte Bligh einige seiner Männer im Nachhinein schützen? Hat er eigene Fehler vertuscht?

Es gibt viele Belege dafür, das Christian eine Art Nervenzusammenbruch hatte: er versuchte sich umzubringen, verbrannte alle Briefe und Unterlagen und baute ein Floss, um zu desertieren. Nach allem, was man heute weiss, war die Meuterei auf der Bounty weder geplant, noch durchdacht. Sie geschah in der Hitze des Augenblicks, angefeuert von Rum, Liebeskummer und männlichem Stolz.

Fletcher Christian verliert in der Nacht zum 28. April sein bisheriges Leben. Als Meuterer kann er niemals nach England zurückkehren, wo dem adligen viele Türen offengestanden hätten.

Auf der Bounty herrscht an diesem Morgen Chaos: schlaftrunken müssen sich vierzig Seeleute entscheiden, auf wessen Seite sie stehen. Im allgemeinen Durcheinander bleiben die Fronten über Stunden unklar. Auch in Blighs Logbuch steht nicht die wahre Geschichte dieser Nacht. Die betreffenden Seiten wurden von Bligh nachträglich ausgetauscht. Es lässt sich heute nur spekulieren, warum. Wollte Bligh einige seiner Männer im Nachhinein schützen? Hat er eigene Fehler vertuscht? Hat er überhastete Formulierungen bereut, die die Söhne einflussreicher adliger an den Galgen gebracht hätten? Dieses Geheimnis wird sich nie lüften lassen.

Fest steht aber, das gegen den ansonsten korrekten Commander eine Rufmordkampagne gestartet wurde. Die Hollywood Filme waren nur die letzte Stufe einer langen historischen Verfälschung. Die Verteufelung Blighs begann durch die Familie von Fletcher Christian, die nicht akzeptieren konnte oder wollte, das ihr Sohn ein Meuterer wahr. Meuterei war die einzige unverzeihliche Sünde in der britischen Marine.

Auch nach mehr als 200 Jahren bleibt die Meuterei ein faszinierendes Geheimnis. Für viele der daran beteiligten führte sie in den Tod – auch wenn keineswegs klar war, auf wessen Seite mehr Männer überleben sollten. Für jene, die loyal zu Bligh stehen und unter Androhung von Waffengewalt in die Beiboote steigen, scheint es eine Fahrt in den scheinbar sicheren Tod zu sein. Obwohl man statt des kleinsten am Ende das grösste Beiboot der Bounty nahm, passten immer noch nicht alle hinein, die mit Bligh gehen wollten.

Das sagt eine Menge über die angebliche „Tyrannei“ Blighs und das „Charisma“ eines Fletcher Christian aus.

Blighs Meisterstück

Bis heute eine Meisterleistung der Navigationskunst.

Wie in einem griechischen Drama scheinen an jenem Morgen alle beteiligten Figuren einer vorgezeichneten Bestimmung zu folgen. Im Beiboot schreibt Bligh mit fester Handschrift nieder, wer es ins Boot geschafft hat und wer gezwungen wurde, an Bord der Bounty zu bleiben. In der kleinen Einheit des Beiboots, mit dem einzigen Ziel zu überleben, läuft Bligh zu Hochform auf: er navigiert anhand von Karten, die einzig in seinem Gedächtnis existieren. Er rationiert die Vorräte nach Unzen und Teelöffeln und lässt Schiffszwieback in einer provisorischen Waage aus Kokosnüssen auswiegen – über einem Korb, um auch die letzten Krümel aufzufangen.

Sein Ziel ist der holländische Stützpunkt auf Timor, 3618 Seemeilen entfernt. Auf Tofua verliert er beim Provianteinholen einen einzigen Mann: er wird von einheimischen Erschlagen beim Versuch, Blighs Logbücher im Kampf zu retten. Über 5000 Kilometer hält Bligh unverzagt Kurs – in einer Nussschale, die auf den Wogen des Südpazifik hüpft.

Fletcher Christian scheitert dagegen zunächst als Kapitän der Meuterer: nach Streitereien bringt er einen Teil der Besatzung zurück nach Tahitit und sticht dann wieder in See. In Blighs Unterlagen entdeckt er eine Insel, die in Blighs Seekarten falsch eingezeichnet ist und die deshalb als Versteck ideal scheint: Pitcairn.

Nach 48 Tagen auf See erreichen Bligh und seine Leute am 14. Juni 1789 Timor. Bis heute eine Meisterleistung der Navigationskunst.

Zwei Jahre später wiederholt Bligh die Reise mit zwei Schiffen und ausreichender Besatzung. Mit 2100 Pflanzen erreicht er schliesslich die Karibik. Doch kein Mensch spricht heute über diesen Erfolg. Vielleicht auch, weil den karibischen Sklaven die Brotfrüchte nie geschmeckt haben.

Liste der Besatzungsmitglieder der HMS Bounty

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