Gesellschaftskritik

Die unglaubliche Kraft der Selbstdisziplin

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Dis·zi·p·li̱n

Substantiv [die]

Disziplin: die (konsequente) Einhaltung von Regeln.

Selbstdisziplin: eine Form der bewussten Selbstregulierung.

 
Wir leben in einer Kultur, in der man es gewöhnt ist, allen möglichen Umständen die Schuld für das zu geben, was in unserem Leben einfach nicht funktionieren will. Für den schlecht bezahlten Job geben wir unserer Herkunft oder Bildung die Schuld. An unserem Übergewicht sind natürlich die Gene schuld. Unsere Träume lassen sich nicht verwirklichen weil das Schicksal gegen uns ist und andere einfach „Glück“ haben. In der Schule schneiden wir schlechter ab, weil andere einfach intelligenter sind. Wir gehen fremd, weil wir eben auch nur „Männer“ bzw. „Frauen“ sind. Unserer Kindheit geben wir die Schuld an unserem Drogenkonsum.

Das alles sind Ausreden, an die wir uns gewöhnt haben. Denn so ist es uns lieber. Es spricht uns von der Verantwortung frei, etwas daran zu ändern. Uns selbst an den meisten Dingen in unserem Leben die Schuld zu geben ist uns zu unbequem.

Die Wahrheit ist: es gibt nur einen Faktor -einen einzigen- der bestimmt, ob du erfolgreich bist, oder nicht. Ob du schlank bist oder aussiehst, wie ein Michelin-Männchen. Ob die Dinge in deinem Leben funktionieren oder die Probleme vor deiner Türe Schlange stehen. Ob du dich von Drogen angezogen fühlst oder lieber nüchtern bleibst. Ob du es schaffst, treu zu bleiben oder herumhurst, weil deine Hormone dich dazu zwingen. Dieser eine Faktor macht den Unterschied aus zwischen Mensch und Tier, zwischen Homo Sapiens oder triebgesteuertem Primat, zwischen Erfolg und ständigem Versagen:

Selbstdisziplin.

Das ungeliebte Kind

Wikipedia bezeichnet Selbstdisziplin oder auch Selbstbeherrschung als „ein stetiges und eigenkontrolliertes Verhalten, das einen Zustand aufrechterhält oder herbeiführt, indem es Anstrengungen aufwendet, die den Ablenkungen von einer Zielvorgabe entgegenwirken.“ Weniger verkopft ausgedrückt heisst das nichts anderes als:

„Kneif den Arsch zusammen und bleib bei der Sache“.

Schon das Wort Disziplin hat in unserer warmgeduschten Kultur, die immer noch unter den Nachwehen der konsequenzlosen „Anti-Autoritären Erziehung“ leidet, einen schrecklichen Ruf. Man verbindet damit das Bild vom strengen Lehrer mit dem Rohrstock in der Hand. Disziplin erscheint uns wie das genaue Gegenteil von dem, worauf unsere Kultur eigentlich ausgerichtet ist: Spass, Unterhaltung und möglichst spontane Wunscherfüllung.

Selbstdisziplin ist ein ungeliebtes Kind in unserer Kultur. Sie gilt als altmodisch und angestaubt. Die Verführungen sind einfach zu gross, um nein sagen zu wollen. Und wenn schon Arbeitgeber, Behörden oder Eltern von uns das Einhalten von Regeln erwarten, warum sollen wir uns dann nicht selbst erlauben, uns bei jeder Gelegenheit zu verwöhnen und zu belohnen?

Der Industrie ist Selbstdisziplin ein Dorn im Auge. Wer Disziplin übt, lernt zu verzichten. Er konsumiert nicht. Also wird uns konsequent eingeredet, wir mögen uns doch bitte jeden möglichen Wunsch erfüllen. Und damit uns die Wünsche nicht ausgehen, arbeiten Werbeagenturen hart daran, uns täglich neue einzureden.

Selbstdisziplinierte Menschen sind allerdings immung gegen Werbung, denn sie haben gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zu kontrollieren und zu hinterfragen, nicht jedem Verlangen gleich nachzugeben. Sie sind ihr eigener Herr und nicht mehr dem unterworfen, was man ihnen einredet. Was für eine Horrorvorstellung! Mündige Bürger, die auch noch so etwas wie Willenskraft entwickeln.

Vorurteile gegenüber Selbstdisziplin

Gerade von jenen Menschen, die eben nicht so gut darin sind, Selbstbeherrschung zu üben, werden gerne Vorurteile gestreut, die Selbstdisziplin als etwas fast schon „grausames“ erscheinen lassen. Selbstdisziplin, so heisst es dann beispielsweise, würde die Kreativität ersticken. Stimmt das wirklich?

Selbstdisziplin Selbstbeherrschung

Nein. Zu kreativer Arbeit gehört zwar Emotion, aber auch Selbstkontrolle. Man kann kein Ölgemälde malen, wenn man nicht bestimmte Stellen trocknen lässt. Man kann keinen großartigen Roman schreiben, wenn man nicht geduldig daran feilt. Auch ein genialer Wissenschaftler wie Einstein hatte nicht nur Heureka-Momente. Er musste hart dafür arbeiten. Selbstbeherrschung ist also für jemanden, der kreativ arbeitet, genauso wichtig wie für jemanden, beispielsweise als Buchhalter sein Geld verdient.

Ein weiteres Argument ist auch: vermittelt man Kindern damit nicht weniger Liebe? Das selbe Argument wird übrigens auch gerne von (meist weiblichen) Hundehaltern benutzt, die deshalb ihre kleinen Lieblinge kaum oder gar nicht erziehen. Es könnte ihnen ja „irgendwie schaden“. Genau das Gegenteil ist allerdings der Fall -und das wurde inzwischen durch viele, viele Studien immer und immer wieder bewiesen:

Wer in seiner Erziehung einen Mangel an Disziplin genossen hat, zeigt im späteren Leben auffallend oft Verhaltensstörungen, Anfälligkeiten für Drogensucht oder gibt einfach generell schnell auf. Ob bei Kindern, Erwachsenen oder Hunden, das Prinzip ist immer das gleiche: jedes Lebenwesen braucht klare Verhaltensregeln. Diese Regeln geben ihm Halt und Sicherheit. Menschen, denen diese Sicherheit in Form von Regeln nie mitgegeben wurde, leider ihr ganzes späteres Leben darunter.

Auf der nächsten Seite: ist Selbstdisziplin gleich Verzicht? Und wie kann man sie trainieren?

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