Gesellschaftskritik

Wer bin ich wirklich?

Mike vom Mars Blog aussehen das ego geschlechter introspektion menschenkenntnis psychologie selbsterkenntnis Selbstwahrnehmung wahre ich weisheit wer bin ich wirklich
 
Geschätzte Lesedauer: 14 Minuten.
Seite 2 / 3

Schicht 2: Das Alter

Die zweite Schublade, in die wir sofort geworfen werden – oder uns sogar freiwillig werfen – ist das Alter. Instinktiv halten wir nur nach Menschen Ausschau, die unserem eigenen Alter entsprechen und glauben, das es uns etwas über unser Gegenüber verrät. Ja, warum eigentlich? Und warum glauben wir von uns selbst, das wir uns unseres Alters gemäss benehmen müssen?

Genau gesehen hat ein Mensch vier verschiedene Alter:

Das Alter, das in seinem Ausweis steht

Das biologische Alter

Das gefühlte Alter

Das geistige Alter

Das Ausweis-Alter: Das ist die Zahl, die in deinem Ausweis steht. Sie ist das, woran sich die meisten Menschen halten. Dumm nur, das gerade dieser Wert die geringste bis gar keine Aussagekraft hat. Das Ausweis-Alter verrät weder, in welchem Zustand dein Organismus ist (das biologische Alter) und auch nicht, wie reif dein Geist oder dein Empfinden sind. Es verrät nicht, welche Erfahrungen du bereits gemacht und was du aus diesen gelernt hast.

Das biologische Alter: Dieses Alter gibt Auskunft über den genetischen Zustand eines Menschen. Je nach vererbten Genen und Lebensführung kann ein Arzt zum Ergebnis kommen, das ein Mensch beispielsweise ein biologisches Alter von dreissig hat, während in seinem Ausweis vierzig Jahre als Alter angegeben ist. Andersherum kann ein zwanzigjähriger sich bereits so heruntergewirtschaftet haben, das er über das biologische Alter eines fünfzigjährigen verfügt.

Das gefühlte Alter: Das gefühlte Alter ist das, wie wir uns innerlich selbst fühlen. Wenn du fünfzig bist, aber gut mit Kindern kannst, in allem das Gute siehst, immer zu einem Scherz aufgelegt bist und dir unentwegt Blödsinn durch den Kopf geht, entspricht dein gefühltes Alter sicher nicht dem, das in deinem Ausweis steht. Wenn du an dich selbst denkst, hast du immer ein bestimmtes Alter von dir im Kopf. Viele sehen sich selbst ein Leben lang als zwanzigjähriger, andere empfinden sich selbst innerlich als älter und „weiser“, als sie sind. Das ist das gefühlte Alter.

Das geistige Alter: Das geistige Alter schliesslich, ist das Alter, das wir gemäss unseren geistigen Einsichten erlangt haben. Es entspricht unserer Weisheit. Dem, was wir im Leben bereits aus unseren Erfahrungen gelernt haben. Menschen, denen in ihrem Leben viel schlechtes widerfahren ist (und die sich damit auch intensiv und konstruktiv auseinandergesetzt haben), verfügen über ein höheres geistiges Alter, als jene, die nie wirklich mit Problemen zu kämpfen hatten.

Vergiss die Zahl, die in deinem Ausweis steht. Sie sagt weder etwas über dich selbst, noch über andere Menschen aus. Sie ist völlig nutzlos. Dein biologisches Alter kannst du durch gesunde Lebensführung (und mit den richtigen Genen) um Jahrzehnte verjüngen. Auch das sagt nicht viel.

Wichtig sind dein gefühltes und dein geistiges Alter. Mach dir bewusst, wie du dich selbst siehst -welches Alter dir innerlich am besten entspricht und sei einfach so. Lege keinen Wert auf die Zahl, die in deinem Ausweis steht -und vermeide das auch bei anderen.

Schicht 3: Das Aussehen

Ob wir es wollen, oder nicht: gleich nach unserem Geschlecht und Alter werden wir nach unserem Aussehen bewertet. Wir ALLE bewerten andere nach ihrem Aussehen. Das ist genetisch fest in uns einprogrammiert und eine Folge der Evolution. Vor tausenden von Jahren bestimmte die schnelle Einstufung eines Unbekannten über Leben und Tod. Dieses genetische Erbe tragen wir noch heute mit uns herum. Wir bewerten andere nach ihrem Äusseren -und genauso werden wir von anderen aufgrund unseres Aussehens bewertet.

Tattoos, Piercings, gefärbte Haare, Schminke, ein exzentrischer Kleidungsstil – all das sind Täuschungsversuche.

Wenn man Menschen wirklich nach ihrem Aussehen bewerten könnte, gäbe es z.B. schon längst keine Morde mehr – schliesslich könnte man schon am Gesicht eines Menschen erkennen, ob man es mit einem Mörder zu tun hat. Dieser Auffassung war die Wissenschaft z.B. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Das hat sich als fataler Fehler erwiesen. Allein aufgrund der Physiognomie eines Menschen wurden ihm bestimmte Charaktereigenschaften oder geistige Fähigkeiten hinzugedichtet oder abgesprochen.

Das funktioniert nicht. Und dennoch tun wir es immer wieder. Einem gutaussehenden Menschen dichten wir einen besseren Charakter an, als jemandem mit einer „Hackfresse“. Tatsächlich ist es aber oft andersherum: Menschen, die aufgrund ihres guten Aussehens reibungslos durchs Leben komplimentiert werden, entwickeln oft sehr hässliche emotionale und psychische Abartigkeiten. Wer die Modelbranche kennt, kann ein Lied davon singen.

Bei Frauen bestimmt übrigens der Eisprung (also auch die Einnahme oder das Weglassen der Pille) stark darüber, wie das Äussere eines Menschen auf sie wirkt. Je nachdem bevorzugen sie dann den „wilden“, männlichen oder den „gepflegten“, kultivierten Typ. Aber was hat das dann mit dem Menschen zu tun? Wieder einmal sind es die Hormone, die uns lenken.

Und dann gibt es Menschen, die bewusst ihr Äusseres einsetzen, um ein künstliches Bild von sich zu erzeugen und so über ihr wahres Ich hinwegtäuschen möchten: Tattoos, Piercings, gefärbte Haare, Schminke, ein exzentrischer Kleidungsstil – all das sind eigentlich nur Täuschungsversuche. Wenn man also schon auf das Äussere achtet, sollte man auf diese Kleinigkeiten achten. Denn diese zeugen oft davon, das derjenige seiner Umgebung ein künstliches Bild von sich aufdrängen möchte.

Meist sind es genau jene Menschen, die sich äusserlich „unangepasst“ und „individuell“ präsentieren, die im Grunde noch verzeifelt auf der Suche nach sich selbst sind. Wer sich nach aussen betont verwegen gibt, möchte damit seine Unsicherheit verdecken. Wer sich betont maskulin gibt, zweifelt im Grunde an seiner Männlichkeit. So lange man mit seinem Äusseren irgendeine Rolle spielt, hat man in der Regel noch nicht wirklich zu sich selbst gefunden. Das ist der Grund, warum diese Maskerade, diese modischen Rollenspiele besonders bei Jugendlichen sehr beliebt sind: sie sind noch auf der Suche nach sich selbst.

Wenn du wirklich du selbst bist, hast du keine Verkleidung mehr nötig. Dann braucht es keinen besonderen Kleidungsstil, keine Tattoos, keine Piercings und keine ausgefallenen Frisuren mehr, um deiner Umgebung (und dir selbst) ein falsches Bild vorzuspielen. Dann bist du einfach nur du selbst.

Auf der nächsten Seite: Was sagen Umgebung und Erziehung über einen Menschen aus?

Alle Artikel
Diese Kategorie

 
Redaktionswertung: 4.0 / 5





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *