Gesellschaftskritik

Männlich? Weiblich? Scheissegal!

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Geschätzte Lesedauer: 9 Minuten

Jeder von uns wurde einer lebenslangen Gehirnwäsche und einer intensiven Verhaltenskonditionierung unterzogen. Wer wärst du heute, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre?

Ich bin kein Fan von komplizierten Dingen. Menschen sind leider Meister darin, Dinge zu verkomplizieren, anstatt sich das Leben einfacher zu machen. Manchmal aber lohnt es sich, über scheinbar simple Dinge nachzudenken. Vor allem, wenn sie nicht weniger, als unser ganzes Leben betreffen.

Da ist zum Beispiel das Geschlechter-Ding auf diesem Planeten. Schon immer nahmen Menschen es als gegeben hin, das es nur zwei Geschlechter geben soll: männlich und weiblich. Diese binäre Sicht („binär“ = zweiteilig) ist bestechend einfach, so simpel wie schwarz und weiss. Und so wird jeder von uns schon am Tag seiner Geburt aufgrund seiner körperlichen Geschlechtsmerkmale in eine von zwei Schubladen gesteckt: in die männliche oder die weibliche Schublade.

Und je nachdem, in welcher Schublade man steckt, verläuft der Rest deines Lebens in der einen oder anderen Bahn. Eine Wahlmöglichkeit gibt es nicht. Schon als Kind bestimmt deine Schublade, welche Kleidung du trägst, welches Spielzeug du bekommst, wie die Menschen mit dir reden, wie oft sie dir sagen, ob du „hübsch“ oder „klug“ seist, ob man dir deine Haare Klobürstenkurz schneidet, wie die eines KZ-Häftlings, oder du sie frei wachsen lassen darfst.

Schnell lernst du, daß jede Schublade ihre eigene Farbe hat: blau für die männliche, rosa für die weibliche. Diese Farben zu verwechseln gilt als grober Verstoss gegen die Etikette. Du gehörst nun entweder in das blaue, oder in das rosa Lager. Punkt.

Steckst du in der rosa Schublade, verzeiht man dir gerne, wenn du dich körperlich nicht anstrengen willst. So lernst du nie, wie stark dein Körper oder dein Wille eigentlich ist, gibst viel schneller auf, als eigentlich nötig und versuchst in Zukunft immer, körperlich anstrengende Arbeiten auf Bewohner der blauen Schublade abzuwälzen.

Steckst du aber in der blauen Schublade, erwartet man von dir dagegen eine gewisse Eigenständigkeit. Ein Mangel an körperlicher Hygiene und Einfühlsamkeit wird dagegen verziehen. Man versucht, dein Interesse an Maschinen, Werkzeugen und allem, was laut ist, zu wecken – auch, wenn du Lärm eigentlich hasst.

Und so zieht sich das durch dein ganzes Leben: je nachdem, in welcher Schublade du steckst, begegnet man dir mit Misstrauen (du könntest ja gefährlich sein) oder Offenheit, stehen dir bestimmte Berufe zur Verfügung oder eben nicht, verdienst du mehr, oder weniger, sind dir bestimmte Kleidungsstücke erlaubt, oder nicht, sollst du eine Familie gründen oder ermutigt man dich, durch die Welt zu reisen.

Dein wahres Wesen kennst du nicht. Du hast es nie kennengelernt. Du weisst nicht, ob du in Wahrheit mutig bist, oder eher ein sanftes Wesen hast – denn man hat dir von Anfang an zu verstehen gegeben, das man von dir als Vertreter deiner Schublade ein bestimmtes Verhalten erwartet.

Und im Laufe der Zeit hast du dich selbst so mit deiner eigenen Schublade identifiziert, das dir die Bewohner der anderen Schublade seltsam vorkommen – du hast das Gefühl, ihr Verhalten nicht wirklich zu verstehen. Aber andererseits fasziniert dich auch diese Andersartigkeit. Und so lernst du früh, das man sich auf diesem Planeten wohl nach dem Grundsatz „Gegensätze ziehen sich an“, statt „gleich und gleich gesellt sich gern“ findet.

Was wäre wenn..?

Was wäre nun gewesen, wenn dein Geschlecht vom Tag deiner Geburt an keine Rolle gespielt hätte? Und zwar ABSOLUT keine? Wenn man dich nicht in rosa oder blaue Kleidung gesteckt hätte, dir nicht bestimmte Verhaltensweisen verboten und andere nahegelegt hätte, nicht dein Spielzeug und auch nicht deinen Frisurstil oder eine Haarlänge für dich ausgesucht hätte?

Wenn du in deiner Jugend nicht dazu ermutigt worden wärst, ständig sexuell aktiv sein oder dich keuscher verhalten zu müssen? Wenn man dir bei deiner Berufswahl nicht diese oder jene Berufe nahegelegt hätte? Wenn du nicht bei jeder Unterhaltung spüren würdest, das dein Gegenüber in dir zuerst mal dein Geschlecht, und DANN erst den Menschen dahinter sieht?

Du wirst leider nie erfahren, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du von Anfang an einfach nur ein Mensch hättest sein dürfen, ohne Fraktion „blau“ oder Fraktion „rosa“ vertreten zu müssen. Du wirst nie erfahren, ob du heute vielleicht einen völlig anderen Charakter mit anderen Verhaltensweisen hättest, einen anderen Beruf oder andere Freunde hättest. Man hat dir ja keine Wahl gelassen.

Wer wärst du heute, wenn man dir in allem eine eigene Wahl gelassen hätte und du dich nicht immer wieder irgendeiner gesellschaftlichen Konvention hättest fügen müssen?

Überraschenderweise gibt es solche wirklich freien Menschen. Oh, es gab sie schon immer – aber seitdem man nicht mehr mit der Todesstrafe rechnen muss, wenn man sein biologisches Geschlecht verleugnet (oder einfach nur „erweitert“), sind die Chancen gar nicht mehr so schlecht, auf einen dieser wirklich freien Menschen zu treffen.

Auf der nächsten Seite: Willkommen im Kaninchenbau.

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