Ukraine-Krieg

Warum ist Russlands Armee so schwach?

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Monate nach Kriegsbeginn halten manche es noch für wahrscheinlich, daß Russland durch seine Masse und Überlegenheit an schwerem Gerät vielleicht als Sieger aus diesem Konflikt hervorgehen wird. Die Anzahl dieser Menschen ist mittlerweile allerdings deutlich geringer geworden, als sie noch im Februar 2022 war, als Russland mit langen Konvois in die Ukraine einmarschierte.

Mittlerweile ist selbst eingefleischten Ostblock-Fans klar: die russische Armee ist nicht, wie vormals gerne angepriesen, die zweitgrößte der Welt – sondern aktuell nur noch die zweitgrößte Armee in der Ukraine.

Tatsächlich war die russische „Performance“ in diesem Angriffskrieg bisher sehr niedrig bis unterirdisch schlecht, gemessen am Standard moderner Kriegsführung. Schon nach wenigen Kriegstagen verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken in rasanter Geschwindigkeit Videos, die liegengebliebene Militärfahrzeuge und Pan­zer zeigten, denen der Sprit ausgegangen war, oder die im Matsch steckengeblieben waren. Hungrige Einheiten plünderten Lebensmittelgeschäfte. Man sah offenbar bis zur letzten Sekunde über ihren Einsatz im Unklaren gelassene, weinende Soldaten, die nach Hause wollten.

Aber warum hat die russische Armee so katastrophal schlecht abgeschnitten gegen ein relativ schwaches Land wie die Ukraine? Ein kritischer Blick auf den Zustand der russischen Armee.

Nachschublogistik

„Die russische Armee setzt massiv auf Artillerie.“

Die russische Militärdoktrin basiert, was den Nachschub der Streitkräfte angeht, massiv auf dem Eisenbahnnetz. Das heißt, der weitaus größte Teil des Nachschubs für die Truppen wird per Zug an die Front gebracht. Diese Doktrin entstand aus der puren Größe des Landes, das so groß ist, daß die Eisenbahn einfach die wirtschaftlichste und effizienteste Art ist, große Mengen an Gütern über weite Strecken hinweg zu bewegen. Dies verringert zudem die Anzahl der benötigten motorisierten Fahrzeuge deutlich. Der Nachteil ist allerdings, daß es mit steigender Entfernung zum Schienennetz immer schwieriger wird, den Nachschub direkt zu den Truppen zu bringen. Der Transport via Eisenbahn ist zudem sehr langsam, während der motorisierte Teil der Armee sich deutlich schneller vorwärts bewegen kann. Je schneller sich die motorisierte Armee nach vorne bewegt und je weiter sie sich dabei vom Eisenbahnnetz entfernt, desto größer werden schließlich die Nachschubprobleme.

Verstärkt wird dieses Problem noch durch die Tatsache, daß die russische Armee zahlenmäßig massiv auf Artillerie setzt und diese eine enorme Menge an Munitionsnachschub benötigt. Einen einzigen Mehrfach-Raketenwerfer nachzuladen erfordert quasi schon eine gesamte LKW-Ladung an Rakten, was bedeutet, daß dieses Fahrzeug weder medizinische Güter, noch Treibstoff oder Munition für die Infanterie transportieren kann.

Russland hat hier insofern Glück, da die Ukraine über eines der dichtesten Eisenbahnnetze in Europa verfügt – dies kommt nicht nur den ukrainischen Truppen zugute, wenn es darum geht, westliche Waffen quer durch die Ukraine bis an die Front zu schicken, sondern auch den russischen Truppen, sobald diese ukrainische Gebiete eingenommen haben.

Da die russische Militärdoktrin seit dem Zweiten Weltkrieg so stark auf die Eisenbahn setzt, verfügt sie über spezielle Instandsetzungstruppen, deren alleinige Aufgabe es ist, die Schienentransporte sicherzustellen und das Schienennetz ggf. zu reparieren. Aus diesem Grund ist den Russen vor allem daran gelegen, strategisch wichtige Eisenbahnknotenpunkte einzunehmen, um so den eigenen Nachschub zu sichern.

Doch diese Nachschubdoktrin macht die russische Armee auch extrem vulnerabel, wenn der Gegner über Mittel verfügt, die angelegten Treibstoff- und Munitionsdepots entlang der Schiene – oder sogar das Schienennetz im Hinterland selbst – zu zerstören. Fast jeden Tag entgleisen in Russland Züge. Der Insider, ein oppositionelles russisches Portal, berichtet von 63 Güterzügen, die von März bis Juni 2022 aus den Gleisen gesprungen seien. Seit Ende Februar, so der Insider, gab es in Russland außerdem mindestens 23 Angriffe auf militärische Registrierungs- und Rekrutierungsbüros, 20 davon waren Brandanschläge.

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist die Zahl solcher Vorkommnisse sprunghaft angestiegen. Auch Wehrbüros werden zunehmend Ziel von Brandstiftungen. Dies schreibt die „Kampfgruppe Anarcho-Kommunisten“ (Boak) auf ihrem Telegram-Kanal, die auch für diese Anschläge die Verantwortung übernimmt. Besonders stolz scheint man bei den Anarcho-Kommunisten über eine Sabotageaktion an den Gleisen Richtung Barsowo zu sein, befindet sich doch in Barsowo ein Waffenlager für Artillerie und Raketenmunition. 34 Schrauben habe man in diesen Gleisen lockern können, so die Gruppe. „Je mehr Züge gestoppt werden, desto weniger Granaten fliegen auf friedliche ukrainische Städte“, schreibt Boak auf ihrem Telegram-Kanal.

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Foto: Spiegel

Selbstüberschätzung

In einer Diktatur ist das eigene Vorankommen gänzlich von der Loyalität zum und dem Wohlwollen des Alphamännchens abhängig. Wer wäre dann so blöd, seinem Vorgesetzten die Wahrheit zu sagen – nämlich, dass die eigene Armee, die man seit 20 Jahren mit enormen Summen hochpäppelt, im Grunde alles aufbieten müsste, um den schwächlich wirkenden Feind besiegen zu können? Das ist nicht, was die kriegsgeile Führung hören möchte. Viel einfacher ist es doch stattdessen, den Vorgesetzten genau das zu erzählen, was sie gerne hören würden – und sogar noch ein paar Geisterbatallione dazu zu erfinden, deren Sold man dann in die eigene Tasche stecken kann.

Das während des Krieges in den letzten Monaten Dutzende russische Generäle – sofern sie denn das Glück hatten, nicht im Kampf getötet worden zu sein – von Putin gefeuert wurden, unterstreicht die Tatsache, dass die Führung im Kreml nicht an Tatsachen interessiert ist, sondern lieber weiterhin daran glaubt, dass man die beste Armee der Welt unterhält, wenn da nicht nur diese unfähigen Generäle wären, deren alleinige Schuld es ist, dass die Ukraine immer noch nicht eingenommen ist.

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