Ukraine-Krieg

Russland: Wirken die Sanktionen?

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Putin hat in den vergangenen 20 Jahren viele Kriege geführt, und sie haben sich alle für ihn gelohnt. Er ist als Feldherr des zweiten Tschetschenien-Krieges zum Präsidenten gewählt worden. Die russischen Kriege gegen Georgien im Jahr 2008, gegen die Ukraine ab 2014 und gegen die syrische Opposition ab 2015 waren aus Putins Sicht alle erfolgreich. Dieser Mann glaubt also tatsächlich, dass Kriege führen sich lohnt.

Aber wir können alles dafür tun, den russischen Vormarsch in der Ukraine zu stoppen. Dafür haben wir drei Mittel:

Waffenlieferungen, die sofort einen Unterschied machen.

Wirtschaftliche Unterstützung für die Ukraine.

Und Sanktionen gegen Russland, die langfristig wirken.

Nicht nur eine kürzlich veröffentlichte Studie der Yale School of Management legt nahe, dass die Sanktionen bereits wirken. Die Studie analysiert unter verschiedenen Gesichtspunkten die russische Wirtschaft und wie sich Sanktionen auf sie auswirken.

Und kommt zu einem eindeutigen Schluss: Sie wirken. Und das sogar sehr gut: Wenn die Sanktionen aufrechterhalten werden, könnte die russische Wirtschaft langfristig daran zugrunde gehen.

Denn: Aufgrund der westlichen Sanktionen ist Russland immer mehr gezwungen, seine Position als zentraler Rohstoffexporteur nach Europa aufzugeben. Während das auch in Europa für Spannungen sorgt, weisen makroökonomische Modelle jedoch darauf hin, dass Russland hier viel mehr zu verlieren hat, als der Rest der Welt. In der Studie wird das Narrativ „Europa ist von Russland abhängig“ relativiert, teils sogar komplett entkräftet und umgekehrt.

Tatsächlich kommt die Yale-Studie zu dem Schluss, dass Russland gerade beim Erdgas viel abhängiger von Europa sei, als Europa von Russland. Wie stark das Abhängigkeitsverhältnis zum Nachteil Russlands ist, zeigen ein paar Zahlen: Russland macht 83% seiner Gasverkäufe nach Europa, doch Europa bekommt 54% seines Gases schon heute aus anderen Quellen als Russland. Auch wenn Europa einen kompletten Gaslieferstopp (noch) schmerzhaft trifft: Für Russland ist er auf lange Sicht fatal. Denn durch die Sanktionen fallen nicht nur die russischen Einnahmen weg, sondern es fehlt auch an wichtigen Technologien. Lieferketten brechen teils vollständig zusammen.

Putin weiß das. Es hat schon seinen Grund, warum er mehr als deutlich eine Aufhebung der Sanktionen verlangt und dafür eine Wiederaufnahme der Gaslieferungen in Aussicht stellt. Das würde er nicht tun, wenn die Sanktionen Russland nicht hart träfen.

Übrigens…
Wer argumentiert, das Gas sei teuer „wegen des Ukraine-Krieges“ hat die tatsächliche Ursache nicht nur nicht begriffen, sondern bedient sich auch Putins falscher Argumentation. Tatsächlich ist nicht „der Krieg“ schuld an den Preisen, sondern der Umstand, dass wir unser Gas von einem Autokraten beziehen, der sich nicht an geltende Verträge hält, Preise und Liefermengen eigenmächtig und nach Tageslaune festlegt. Nicht mehr, nicht weniger. Soll man mit solchen „Geschäftsleuten“ wirklich Deals eingehen, wenn es um die Sicherheit und Wirtschaft des eigenen Landes geht? Sicher nicht. Hätten CDU und SPD das nur schon vor Jahren kapiert, als ihre Devise noch „Wandel durch Handel“ war und man noch glaubte, dass selbst ein Russe doch irgendwann die Vorteile einer freien Demokratie sehen müsse. Irrtum.

Bereits jetzt hat Russland ernste Probleme

„Das Ergebnis: Minderwertige Produkte oder gar Stillstand.“

Laut der Studie entstehen in Russland bereits jetzt ernsthafte Probleme. Laut einer Umfrage schaffen es 81% der Produzenten in Russland nicht, wegfallende westliche Importgüter durch russische Produkte zu ersetzen. Das führt zu fast schon verzweifelten Anekdoten. In russischen Waffen werden offenbar zum Teil Halbleiter aus Geschirrspülern oder Kühlschränken genutzt. Außerdem sind die Verkäufe ausländischer Autos in Russland extrem eingebrochen, teilweise mit einem Rückgang von über 90%.

Auch in anderen Sektoren ist die Wertschöpfung zum vorletzten Quartal massiv eingebrochen. Bauwesen und Landwirtschaft (je -50%), wesentliche Dienstleistungen und Fertigungen (-20 %), Einzelhandel, Gesundheit und Gastronomie (je -15%) sind nur einige Beispiele. Selbst im Bergbau ging die Wertschöpfung leicht zurück. Und das, obwohl die Rohstoffpreise stark stiegen.

Besonders prekär aus russischer Sicht ist, dass der Kriegsindustrie Mikrochips und andere Bauteile fehlen, die notwendig sind für Panzer, Raketen und sonstiges militärisches Equipment. Also: Auch wenn Putin sagt, dass die russische Wirtschaft autark (also selbstversorgend) funktionieren kann, kann man davon ausgehen, dass die einbrechenden Importe nicht (gleichwertig) ersetzt werden können. Das Ergebnis sind minderwertige Produkte oder auch Stillstand in ganzen Branchen.

Und: die Lizenzverträge für die Nutzung von Produktions-Software laufen meist nicht länger als zwei Jahre, sie haben aber keine Chance auf eine Verlängerung. Gleichwertige russische Software gibt es nicht, denn Russland leidet seit Jahren bereits unter einem Brain Drain, einem Abwandern gut ausgebildeter Fachkräfte und der Hochintelligenz ins Ausland. Ein Schlamassel, das Russland spätestens dann um die Ohren fliegen kann.

Isolation: Ein Auslaufmodell

„Russland ist schon längst Chinas kleiner Bruder.“

Die Sowjetunion mag sich im Kalten Krieg erfolgreich von der westlichen Wirtschaft abgekoppelt haben. Doch in der heutigen globalisierten Welt funktioniert das nicht mehr. Gas und Öl sorgen als Exportgüter für über die Hälfte des russischen Staatsbudgets. Das kann man nicht einfach mal wegfallen lassen. Zudem kommt fast das gesamte High Tech, inklusive Halbleitertechnik aus dem Westen. Ohne dieses werden auf lange Sicht große Teile der russischen Produktion zusammenbrechen, was im Grund einem Rückfall in die Sechziger Jahre des letzten Jahrtausends gleich käme.

Angeblich möchte Putin sich deshalb jetzt einfach mehr in Richtung Asien und vor allem China orientieren. Auch das hat die Studie analysiert und kommt zu einem klaren Ergebnis: Der Westen, insbesondere die USA, sind mit Abstand Chinas wichtigster Handelspartner und somit für den Wohlstand von Milliarden Chinesen verantwortlich. Viele chinesische Unternehmen können es sich gar nicht leisten, amerikanische Sanktionen zu umgehen, nur um einem verstaubten Autokraten namens Putin und einem Land aus der Patsche zu helfen, dessen BiP gerade einmal dem der Niederlande entspricht.

Und selbst für die, die es sich leisten können, ist es vermutlich kein sehr verlockender Gedanke. Auch aus politischer Sicht ist es schwer vorstellbar, dass China sich in eine ähnliche Gasabhängigkeit von Russland begeben will, wie Europa es einst tat. Warum den selben Fehler machen? Zumal China selbst gerade große Gasreserven in Xinjiang entdeckt hat und erschließen will.

Noch wichtiger ist aber ein viel simpleres, praktisches Problem. Russland kann gar nicht einfach das Gas, was für Europa gedacht war, mal so eben nach China umleiten. Denn Erdgas braucht Infrastruktur, hauptsächlich Pipelines. Wo diese nicht da sind, da kann nicht ohne weiteres Erdgas hin.

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