Gesellschaftskritik

Sind Gewalt und Fanatismus Männerkrankheiten?

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Es vergeht kein Tag, ohne das wir mitbekommen, wie Männer morden, foltern oder Amok laufen. Und selbst die harmlosen Vertreter dieser Spezies bevorzugen meist Filme und Computerspiele, in denen reichlich gemordet und zerstückelt wird. Auch unter Terroristen und Extremisten sind grundsätzlich mehr Männer zu finden, als Frauen -so zumindest der Eindruck. Sind Gewalt und Extremismus also Männerkrankheiten?

Bevor wir zur Sache kommen, eines vorweg: auch Frauen können töten. Dass mittlerweile jedes vierte Kind(!) in der EU durch Abtreibung getötet wird, spricht eine sehr deutliche Sprache. Psychologische Experimente zeigten, das jeder Mensch, ungeachtet seines Geschlechts, seiner Herkunft, Rasse oder Bildung zum Mörder werden kann, wenn er die Auswirkung seiner Tat nicht unmittelbar vor Augen hat und / oder von einer Autorität dazu aufgefordert wird. Dies bewies das 1961 in New Haven durchgeführte Milgram-Experiment.

Uns geht es hier aber um etwas anderes -um direkte, körperliche Gewalt und die Lust an solcher. Die Fähigkeit, das überhaupt einem anderen Menschen anzutun. Um extreme Geisteshaltungen und Weltanschauungen. Um Wut, Hass und den Mangel an Empathie, der nötig ist, um einen Menschen zu foltern, zu verletzen oder zu töten. All dies scheinen Eigenschaften und Voraussetzungen zu sein, die bei Männern in viel höherem Mass vorliegen, als bei Frauen. Das ist eigentlich unbestritten. Selbst bei Jungs im Alter von sechs, sieben Jahren lässt sich schon beobachten, das sie gerne mit Spielzeugwaffen spielen, Computerspiele reizvoll finden, in denen Töten und Zerstören die Hauptrollen spielen und ihren Kameraden gegenüber weniger Mitgefühl und soziales Verhalten zeigen, als Mädchen im gleichen Alter.

Gewaltbereite Männer waren „sexy“

Wir wollen hier nicht auf X- oder Y-Chromosomen herumreiten. Eine rein genetische Erklärung als Ursache gewalttätigen Verhaltens wird heutzutage als zu vereinfacht angesehen. Schliesslich glaubte man vor einigen Jahren noch, im Abschnitt XQ28 des Geschlechtschromosom X die biologische Grundlage der Homosexualität entdeckt zu haben. Aber je länger Verhaltensvorscher sich mit dem Erbgut und dessen Einfluss auf uns auseinandersetzen, desto ratloser sind sie: ein direkter, beweisbarer Zusammenhang ist bis heute nicht gefunden. Und selbst wenn -wir haben immer noch unseren Willen, um gegenzusteuern. Schliesslich geben wir auch nicht jedem sexuellen Verlangen oder Trieben wie Hunger oder Durst unverzüglich nach.

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Unbestritten ist allerdings eine Tatsache: aus evolutionsbiologischer Sicht heraus war Gewaltbereitschaft für den Mann von Vorteil. Von Natur aus mit mehr Kraft als die Frau ausgestattet und in einem Umfeld, in dem es keine entsprechenden Gesetze gab, die ihn an Gewaltausübung hinderten, war es für den Mann ein Leichtes, seine Ansprüche einfach mit Gewalt durchzusetzen. Gleiches galt natürlich auch für die Abwehr unmittelbarer Gefahren. Fähige, also gewissenlose und deshalb tatkräftige, Krieger waren zu allen Zeiten gerne gesehen. Die männliche Bereitschaft zur Gewalt wurde also in vielen Kulturen regelrecht „gezüchtet“ und kultiviert. Man ehrte sie mit Heldengesängen und Denkmälern und so manche Frau, die sich selbst als machtlos und schwach empfand, verstand es, sich einen Mann gefügig zu machen, der die „Drecksarbeit“ für sie verrichtete.

Über viele Jahrtausende hinweg wurde die männliche Bereitschaft zu Agression und Gewalt also nicht nur toleriert, sondern sogar noch gezielt durch Erziehung und psychologische Bekräftigung gefördert. Frauen entschieden sich zu diesen Zeiten (selbst heute noch, meist ohne das es ihnen bewusst ist) auch eher für einen Mann, der es physisch mit möglichen Feinden aufnehmen konnte und auch nicht zögerte, dies zu beweisen. Gerade diese sexuelle Selektion sorgte sicherlich dafür, das wir heute noch so sehr mit den Auswirkungen männlicher Gewaltbereitschaft zu kämpfen haben. Denn in die heutige Zeit passt dieses Verhalten nicht mehr -im Gegenteil, es schafft mehr Probleme, als es lösen könnte.

Heute fragen wir uns also, wie wir diesen Geist aus der Flasche, den wir damals gerne riefen und der uns zu anderen Zeiten vielleicht das Überleben sicherte, wieder los werden. Nun, zumindest technisch gesehen ist die Antwort einfach: sobald Frauen sich ebenfalls ihres „Mittelalter-Gens“ entledigen und bei der Partnerwahl nicht mehr auf urzeitliche Attribute wie Körpergrösse, Muskelmasse oder eine möglichst männliche Erscheinung achten, geben sie auch wieder anderen Genen die Chance, sich fortzupflanzen: Einfühlsamkeit, soziale Intelligenz oder ein fröhliches Gemüt wären doch durchaus alternative Eigenschaften für einen männlichen Kandidaten, die zudem besser in unsere Kultur passen, als die Gene und das Erscheinungsbild eines Wikingers.

Männer sind Gedanken-Magneten

Männer denken anders als Frauen. Wir erwähnten es schon in unserem Artikel über Multitasking: während Frauen die Dinge in der Regel eher oberflächlich, also durchaus auch ausgeglichen sehen, neigen Männer zur Fokussierung. Sie krallen sich mit der Konzentration eines Laserstrahls förmlich an einem Gedanken fest -und sind dann oft nicht mehr fähig, ihn wieder loszulassen, geschweige denn Alternativen dazu wahrzunehmen.

Ein gutes Beispiel für diesen „gedanklichen Magnetismus“, also der Unfähigkeit ein Thema auch wieder loszulassen, sind Schatzsucher. Die Geschichtsbücher sind voll von Männern, die, einmal geblendet vom Gedanken an Gold und Reichtum, ihr ganzes Leben fortan nur noch einer einzigen Sache widmen: der Suche nach dem vermeintlichen Schatz. Hier sei kurz die überaus tragische Figur des August Gissler erwähnt, der sage und schreibe 17 Jahre auf einer einsamen Insel verbrachte und tagein, tagaus Löcher grub. Das alles nur, weil er eine handvoll Münzen gefunden hatte und sich einbildete, das auf dem kargen Eiland noch mehr davon zu finden wären.

Dieses Verhalten ist typisch männlich. Wenn sie etwas tun, tun sie es oft regelrecht fanatisch. Wir sehen es beim Modellbau, bei Autoschraubern, Workaholics oder Computernerds: viele Männer scheinen es nicht zu schaffen, sich von Gedanken auch wieder zu distanzieren. Bis die betreffenden Gedanken das gesamte Denken beherrschen. Stalking ist ein perfektes Beispiel dafür. Ein kurzer Augenblick der körperlichen Anziehung, den ein gesunder Mensch mit ausreichender Willenskraft durchaus unterdrücken könnte, kann von anfälligen Männern einfach nicht mehr abgeschaltet werden, dreht sich fortan immer und immer wieder im Kreis, bis er durch ständige Wiederholung und Verstärkung das gesamte Denken beherrscht.

Diese Zwanghaftigkeit beim Denken ist typisch männlich. Einerseits sorgt sie dafür, das Mann sich grandios auf einen Sachverhalt konzentrieren kann (damals eben auf die Jagd und den Kampf) -andererseits scheint bei einigen Vertretern dieses Geschlechts der Mechanismus defekt, der diese Gedankengänge auch wieder abstellen kann.

Wenn zu diesem gedanklichen Magnetismus auch noch Hass kommt, entsteht eine todsicheres Grundrezept für Fanatismus und Extremismus.

Testosteron: Das Wut-Hormon?

Zwischen Männern und Frauen gibt es einen weiteren, grossen Unterschied: während Frauen Frust und Enttäuschung eher nach innen, also gegen sich selbst richten, gehen Männer hier in der Regel nach aussen. Es wird der Weg des geringsten Widerstands genommen und ein schnelles Ventil für den Überdruck gesucht. Wenn nur der Sandsack dafür herhalten muss, mag das noch in Ordnung sein. Oft genug aber rottet man sich dann mit gleichgesinnten zusammen und sucht sich ein gemeinsames Opfer. Interessanterweise wird das gleiche Verhalten auch immer wieder bei Schimpansen und Gorillas beobachtet.

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Männer scheinen generell auch anfälliger für Hass und Wut zu sein, als Frauen. Warum ist das so? Biologen zufolge liegt das einerseits am Hormonhausalt. Östrogen und das bei Frauen in höherer Dosis zu findene Oxytocin machen gefügig, ausgeglichen, harmoniesuchend und friedfertig, während Testosteron das agressive Verhalten fördert und sogar Tobsuchtsanfälle verursachen kann -übrigens auch bei Frauen mit zu hohem Testosteronspiegel. Das Schlimmste, was Eltern einem bereits als agressiv auffälligem Kind uns sich selbst antun können, ist der Versuch, es mit Boxen, Kraft- oder Kampfsport „auszupowern“. Genau der gegenteilige Effekt tritt hier ein: durch die höhere Testosteronausschüttung fördern manche Sportarten die agressive Neigung sogar noch. Das kann bis hin zu regelmässigen Tobsuchtsanfällen und Gewaltattacken gehen. Vor allem von Kraftsport sei hier dringend abgeraten.

Aber nicht nur der Hormonhaushalt, auch die geschlechtstypische Erziehung (Sozialisierung) von Männern trägt ihr übrigens dazu bei. Männern wird von klein an begebracht, das es nichts bringen würde, „schwach“ zu sein. Man(n) müsse sich „durchsetzen“, und nur, wer es schafft, das „Alphamännchen“ zu sein, würde im Leben vorankommen und Anerkennung finden. Selbst heute noch leben viele Väter ihren Söhnen dieses Verhalten vor, ob bewusst oder unbewusst. Einem Jungen, der sich lieber künsterlischen Hobbies widmet, sich eher still und zurückgezogen gibt, wird dann auch mal die Frage gestellt, ob er denn „schwul“ sei. Dieses Homophobe Verhalten unter Männern sorgt dafür, das Männer sich natürlich gegenseitig um jeden Preis beweisen wollen, das sie es nicht wären -und das mit übertriebener Männlichkeit demonstrieren.

Die bei Männern so oft anzutreffende Homophobie, als die Angst vor dem Schwulsein, hat übrigens einen interessanten psychologischen Hintergrund: Männer fürchten nichts mehr, als so betrachtet zu werden, wie sie Frauen betrachten: als Sexobjekt.

Gefährlicher Mangel an Empathie

Männer empfinden evolutionsbedingt in der Regel deutlich weniger Empathie (Einfühlungsvermögen) als Frauen. Während Mädchen sich meist schon im Alter von sechs, sieben Jahren in andere Menschen oder Tiere einfühlen können, gelingt Jungs das oft nur schwer. Oft ist bei Männern gerade im Alter zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahren noch einmal ein deutlicher Rückgang der Empathiefähigkeit zu beobachten -was sich Armeen, kriminelle und terroristische Organisationen auf der ganzen Welt gerne zunutze machen, indem sie gerade Männer in diesem „gefährlichen“ Alter rekrutieren. Erst später, im reiferen Alter, ist bei vielen Männern eine Zunahme der Empathiefähigkeit zu beobachten, vielleicht bedingt durch Lebenserfahrung und soziale Interaktion.

Der Spiegel titelt in seiner Ausgabe Nr.2 von 2008: „Junge Männer: die gefährlichste Spezies der Welt“ und stellt sich in diesem Artikel die Frage, ob die auffällige Gewaltbereitschaft junger Männer bereits angeboren ist.

In einer gefährlichen Umgebung oder unter lebensgefährlichen Umständen kann Empathie lähmend auf den Selbsterhaltungstrieb wirken. In solchen Situationen ist es effektiver, seine Gefühle zu kontrollieren bzw. diese gar nicht erst aufkommen zu lassen und sich ganz auf den Kampf zu konzentrieren. In der Tat bestätigen Studien, das Männer gerade unter Stress weniger einfühlsam und selbstbezogener reagieren als Frauen, die unter Stress empathischer bleiben, als Männer. Dieses Verhalten mag in grauer Vorzeit durchaus Vorteile für den Mann gehabt haben -in unserer heutigen Gesellschaft und angesichts der heutigen globalen Konflikte wird diese Eigenschaft der männliche Psyche allerdings gerne missbraucht, um sie zu fanatisieren und willige Soldaten und Kämpfer aus ihnen zu machen.

Und die Lösung?

Sowohl das Problem männlicher Gewalt, als auch mögliche Lösungen sind also komplexer Natur. Das Gewalt aber ein hauptsächlich männliches Problem ist, ist im Grunde unbestritten. Tatsache ist aber: weder Hormone, noch genetische Vorbelastung können eine Ausrede sein, sich gehen zu lassen. Es soll schon Männer gegeben haben, die sich vor Gericht auf ihre Chromosome als Gewaltursache berufen haben. Wer aber bereits weiss, das er eine Neigung zu Wut, Fanatismus und Gewalt hat, muss sich eben mehr im Griff haben, als andere. Genauso, wie jemand, der einen Hang zum Alkohol hat, eben ein Leben lang den Alkohol meiden muss.

Heute kennt man viele Techniken, um emotionale und geistige Ausgeglichenheit zu fördern: von einfachen Entspannungsübungen bis hin zu Kunst und Musik (das Spielen eines Instruments scheint in der Tat genau jene Hirnregionen zu aktivieren, die Gewalt und Hass diametral entgegengesetzt sind).

Schon bei der männlichen Erziehung sollte das Hauptaugenmerk auf die Entwicklung sozialer, nicht unbedingt nur technischer Intelligenz gelegt und vor allem Wert auf Einfühlungsvermögen und Empathie gelegt werden. Es gibt tatsächlich Eltern, die ihren Söhnen immer noch Spielzeugwaffen in die Hand geben, weil sie der Meinung sind, das Jungs eben so etwas zum Spielen bräuchten. Ebensowenig braucht es Väter, die auf Biegen und Brechen versuchen, aus ihren Söhnen „richtige Männer“ zu machen, anstatt einfach die Charakterzüge zu unterstützen, die diese von Natur aus mitbringen.

Und zu guter letzt liegt es auch an euch Frauen: niemand muss sich über Gewalt beschweren, aber gleichzeitig beim Partner auf „möglichst männliche“ Eigenschaften bestehen. Beides geht oft Hand in Hand -denn ein hoher Testosteronspiegel wirkt sich dementsprechend auch auf die Psyche aus. Also Vorsicht bei der Partnersuche :-)

Seltsam? Aber so steht es hier geschrieben... Ihr habt Fragen, Anregungen oder vielleicht sogar eine völlig andere Meinung zu diesem Artikel? Dann postet einen Kommentar.

Mike vom Mars Blog - mike-vom-mars.comAutor: Mike vom Mars
Mike emigrierte vor einigen Jahren von seinem Heimatplaneten auf die Erde, um das Leben am wohl seltsamsten Ort des Universums zu studieren. Seiner Bitte "bringt mich zu eurem Führer" wurde bisher nicht entsprochen.


 
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