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1755 – Das grosse Erdbeben von Lissabon

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Lissabon im Jahr 1755. Es ist der 1. November. Tausende Schaulustige wohnen auf dem Marktplatz der Vollstreckung eines Todesurteils im Namen der Kirche bei. Der Angeklagte sei ein Ketzer, ein Diener des Satans. Der Scheiterhaufen brennt bereits. Doch die Schaulustigen ahnen nicht, das sie selbst totgeweihte sind und nur noch Minuten zu leben haben.

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Lissabon 1755

An diesem Tag scheint es, als haben sich alle vier Elemente gegen die Metropole der einstigen Weltmacht Portugal verschworen. Es ist der Tag der grössten europäischen Katastrophe seit dem Ausbruch des Vesuv und der völligen Zerstörung Pompejis im Jahr 79 nach Christus.

Ist dies die Verkettung schicksalhafter Ereignisse? Oder die Strafe Gottes für die Auswüchse und Greueltaten der „heiligen“ Inquisition?

Die portugiesische Hauptstadt war eine der ersten Metropolen Europas. Sie ist älter als London, Paris und sogar Rom. Und es war eine extrem „fromme“ Stadt -zumindest gemessen an der Anzahl der Kirchen und sakralen Bauten. Doch heute finden sich nur noch wenige Spuren ihrer einstigen Pracht. Bis zu jenem schicksalhaften Tag glänzt die Stadt noch als Zentrum eines Weltreichs. Lissabon ist reich, dank seiner Schätze aus Übersee. Aus den Minen seiner Kolonien sprudeln Gold und Diamanten. Einen beträchtlichen Teil dieser Einkünfte erhält der Klerus. Die vergoldeten Intarsien der Kirchen finanziert Gold aus Brasilien und der Sklavenhandel in Westafrika.

Die Terrorherrschaft der Inquisition wendet sich zu jener Zeit gegen jeden, der den katholischen Glauben in Frage stellt und macht mit Ketzern kurzen Prozess. Der Rossio Platz ist das Zentrum der portugiesischen Inquisition. Die gesamte Bevölkerung kommt zusammen, um zu sehen, wie die Verurteilten durch die Strassen gezerrt und auf dem Platz getötet werden. Aus dem Pflaster ragen grosse Pflöcke auf, an denen die Delinquenten gefesselt werden, bevor unter ihnen die Scheiterhaufen brennen. Es waren die grausamen Jahrhunderte einer religiösen Tötungsmaschinerie.

Am 1. November 1755 ist Allerheiligen, einer der höchsten katholischen Festtage. Zehntausende Gläubige haben sich zum Gebet unter den steinernen Kuppeln der Gotteshäuser versammelt -die für sie nun zur Todesfalle werden. Der Engländer Daniel Braddock ist zu Besuch in der Stadt. Noch weiss er nicht, das er Zeuge ihres Untergangs wird -und der Chronist der Grauens.

Die Erde bebt

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Dichte Staubwolken über der Stadt

Morgens um halb zehn schreibt er in seiner Unterkunft einige Briefe, als plötzlich die Erde bebt. Braddock erlebt das erste Grollen eines Erdbebens, die sogenannten P-Wellen (Primärwellen). Nur Augenblicke später wird Lissabon von der Sekundärstufe getroffen, den S-Wellen. Es fühlt sich in etwa an, als ob ein schwerer Lastwagen vorbeifährt. Er begreift: es muss ein Erdbeben sein! Das Epizentrum liegt 250 km vor der portugiesischen Küste, tief unter der Meeresoberfläche, an der Linie wo sich zwei riesige tektonische Platten begegnen.

Um 9:30 morgens schiebt sich eine der Erdplatten unter die andere. Sie verschiebt sich vertikal um etwa 10 Meter. Mit einem Wert von 8.5 auf der Richterskala wird es das bis dahin schwerste Erdbeben in der europäischen Geschichte. Und es sollte Lissabon mit seiner vollen Wucht treffen. Das Beben ist so stark, das es unmöglich ist, noch aufrecht zu stehen. Dachbalken gehen um den Engländer Braddock hernieder. Die ganze Stadt wird durch dichte Staubwolken in eine biblische Finsternis getaucht. Wände stürzen um, zerschmettern die Schädel und Knochen zehntausender Einwohner, wie heute noch zahlreiche Skelettfunde beweisen.

Die Bankreihen der meisten Kirchen sind an diesem 1. November bis auf den letzten Platz gefüllt, vorne die adligen Aristokraten, im Hinteren Teil das einfache Volk. Mitten in der Messe beginnen die Gebäude plötzlich heftig zu schwanken. Kerzen fallen um, Säulen wackeln. Schwere Steinbrocken stürzen auf die Kirchenbesucher herab. Panik bricht aus, die Menschen verstehen nicht, was geschieht. Das absolute Chaos. Noch Minuten zuvor war Lissabon in festlicher Stimmung, doch nun spielen sich plötzlich apokalyptische Szenen ab. Man kann kaum gehen, ohne über menschliche Körper zu steigen. Tausende Menschen liegen unter Schutt begraben und rufen um Hilfe, wie ein Augenzeuge berichtet. Viele stehen unter Schock, machen einen seltsam lethargischen Eindruck.

Doch der Alptraum beginnt erst.

Daniel Braddock überlebt wie durch ein Wunder. Er sichtet in den Schuttbergen eine hilflose Mutter mit ihrem Kind. Ein Steinbrocken fällt herab, trifft sie und tötet beide auf der Stelle. Doch für Braddock und all die anderen beginnt der Alptraum erst. Auf das Erdbeben folgt ein Tsunami. Inzwischen ist es zehn Uhr morgens. Erst knapp sechs Minuten sind vergangen, seit Lissabon von dem schweren Beben verwüstet wurde.

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Der Tsunami bricht über den Rossio

Tausende Überlebende irren wie Braddock umher und suchen Schutz. Sie wollen das offene Ufer des Tejo erreichen. Im Epizentrum 250 km vor der Küste versetzt das Beben den Atlantik in Bewegung. Gigantische Wassermassen rasen mit bis zu 800 Stundenkilometern auf die Küste zu.

Damals ahnt niemand, das ein Erdbeben einen Tsunami auslösen kann. Unmittelbar nach dem Beben sind die Strassen voller Menschen, die Kruzifixe umklammern und sich bereits als Überlebende wähnen. In diesem Moment hört Braddock bereits das Grollen des Meeres. Er sieht auf den Tejo hinaus und erkennt einen monströsen Berg schäumenden Wassers, der auf ihn zu rollt.

Es gibt keinen sicheren Ort, keine Fluchtmöglichkeit. Die Wellen brechen über ihn zusammen, es gibt kein Entkommen. Er greift nach einem Balken, der an ihm vorbei treibt. Er hat Glück und überlebt, doch zehntausende sterben in den Fluten, werden in das Meer hinaus gerissen. Noch Wochen später entdecken Fischer im offenen Atlantik treibende Leichen und Möbelstücke.

Das Höllenfeuer von Lissabon

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Feuersturm über Lissabon

Das Wasser zieht sich zurück, doch es ist noch nicht vorbei. Kurz vor dem Erdbeben erstrahlte Lissabon an diesem religiösen Festtag im Schein tausender Kerzenlichter. Sie sollten der Stadt zum dritten Verhängnis werden. Sobald die Gebäude einstürzen, brechen die Feuer aus. An hunderten Stellen der Stadt steigen Rauchwolken auf. Als die Nacht hereinbricht und Wind aufkommt, breiten die Flammen sich weiter aus und verschmelzen zu einem einzigen glühenden, infernalischen Sturm.

Haus für Haus, Strasse um Strasse. Das Feuer verschlingt die halbe Stadt. Angefacht durch den starken Küstenwind verschmelzen hunderte von Bränden zu einem einzigen, riesigen Flächenbrand. Daniel Braddock erkennt: er ist in einem Inferno gefangen. Es ist Mitternacht. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami gibt die Flammenhölle der Stadt den Rest. Lissabon erlebt einen wahren Feuersturm.

Lissabon hat die perfekte Topographie für eine solche Katastrophe. Die Stadt bildet eine Art Becken. An drei Seiten von steilen Hügeln begrenzt, versorgt das Feuer sich von einer Seite aus selbstständig mit Sauerstoff. Das unverwechselbare Kennzeichen eines Feuersturms. Den gläubigen Überlebenden schien es, als stürzten sich sämtliche Feuer der Hölle auf Lissabon. Die Temperatur stieg nachweislich auf bis zu eintausend Grad an. Skelettfunde beweisen, das die Temperaturen derart extrem waren, das die Gehirne von toten und lebenden buchstäblich verdampften und die Schädelknochen durch den dadurch entstehenden Druck förmlich von innen explodierten. Wird das Gehirn grosser Hitze ausgesetzt, dehnen sich Gase im Schädel aus und lassen ihn entlang der Knochennähte aufplatzen.

In dieser Nacht wandelt sich die Metropole der einstigen Weltmacht zur Stadt der verbrannten Leichen. Lissabon wird zu einem riesigen Friedhof. Für den englischen Besucher Daniel Braddock geht es nun ums nackte Überleben. Wie viele andere versucht er, aus der Stadt zu fliehen. Nach dem Tsunami ist er immer noch völlig durchnässt. Er hat nichts am Leib ausser seinem Nachthemd. Und er verbringt diese Nacht wie tausende andere frierend im Freien. Wenn die Überlebenden ihren Blick zur Stadt wenden, sehen sie ein einziges, leuchtendes, gigantisches Flammenmeer.

Die Nacht der hungrigen Wölfe

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Skelettfund: zerborstener Schädel

Augenzeugenberichte beschreiben, was nach der Katastrophe passiert. Viele Kriminelle fallen in den unteren Teil der Stadt ein, nachdem sie vermutlich aus den Gefängnissen der Stadt entkommen sind. Unmittelbar nach der Katastrophe sind überall Banden unterwegs, breiten sich scharenweise in der Stadt aus und plündern, was immer ihnen in die Hände fällt. Hunderte Diebe fallen in das Zentrum der Stadt ein wie hungrige Wölfe.

Nach den drei Katastrophen beginnt ein neuer Alptraum: die Herrschaft der Anarchie.

Viele Menschen versuchen am nächsten Tag in ihre Häuser zurückzukehren, um ihre Habseligkeiten zu retten. Braddock berichtet von Mördern. Sie stehlen nicht nur, sie morden. Skelettfunde zeigen auf, das die dritthäufigste Todesursache nach dem Beben und den Flammen Tod durch menschliche Gewalt war: viele der überlebenden, die die Katastrophen überlebten, wurden in den Tagen danach von plündernden Männern in einer Welle von totaler Anarchie erschlagen. Es wird erstochen, erschlagen, verstümmelt, erschossen, vergewaltigt. Die Bestie im Mann ist nun entfesselt und kennt keine Menschlichkeit mehr. Es zählt das Recht des physisch stärkeren und seelisch grausameren.

Häuser, Kirchen, Paläste sind zerstört -eingestürzt, ausgebrannt oder geplündert. Augenzeugen dieser Ereignisse schreiben von einem „Ort, der einst Lissabon war, nun aber nicht mehr ist“. Selbst die zivilisierte Gesellschaft liegt in Trümmern. Es gibt keinen Schutz, keine Sicherheit, keine Nahrung. Und für manche auch keine Tabus mehr.

Der Hunger ist allgegenwärtig. Stadtmenschen haben nie gelernt, sich selbst zu versorgen. Viele Skelettfunde aus diesen Tagen, insbesondere Oberschenkelknochen, weisen parallel verlaufene Schnitte von Messern auf -ein Hinweis auf Kannibalismus.

Die eiserne Herrschaft

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Marques de Pombal

Der König übeträgt seinem ergebensten Lieutenant die Herrschaft über Lissabon. Der Marques de Pombal beginnt seine Herrschafft mit eiserner Hand. De Pombal liess als erstes das Militär in der Stadt ausschwärmen, um reihenweise neue Galgen zu errichten. Sie sollten besonders gross sein, damit jeder sie sehen konnte und ihre Bedeutung allen klar war: wer beim Plündern erwischt wurde, den erwartete ein sehr kurzer Prozess.

De Pombal wurde zum Herrscher von Lissabon. Aber er wurde nicht nur zu einem Diktator, sondern auch zu einem Despot. Unter Pombal loderten auch die Flammen die Inquisition wieder auf -wenn auch zum letzten mal.

Mit der Baukultur des Mittelalters war auch eine Denkweise untergegangen. Für viele waren nicht nur Gebäude eingestürzt -sondern ein ganzes Glaubenssystem. Man diskutierte über ein neues Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen. Wenn Gottes Zorn sie ausgerechnet um halb zehn an Allerheiligen getroffen hatte, als die meisten in der Messe waren -was hatte das zu bedeuten? Zehntausende starben beim Kirchgang. In der Kirche. War das wirklich das Werk eines guten und gerechten Gottes?

Ihre eigene „Frömmigkeit“ und Menschlichkeit jedoch hinterfragten die Lissabonner nicht. Bis zu diesem Tag empfanden es viele als angenehme Belustigung, den Inquisitionsprozessen auf dem Rossio beizuwohnen und unschuldige brennen zu sehen. Als „fromm“ galt, wer ein Kruzifix zuhause hatte und Sonntags brav in die Kirche ging -so dunkel seine Seele im Innern auch war.

Auch heute, über 250 Jahre später, können sich ähnliche Katastrophen jederzeit wiederholen. Auch wenn wir heute besser gegen die Kräfte der Natur gewappnet sind -eine grosse Gefahr bleibt: die der menschlichen Bestie, die, einmal entfesselt, sich gegen ihre Artgenossen stellt, sobald es ums Überleben geht. Überlebende des Bosnienkriegs und anderer Konflikte schildern ähnliche Vorfälle, wie damals.

Seltsam? Aber so steht es hier geschrieben... Ihr habt Fragen, Anregungen oder vielleicht sogar eine völlig andere Meinung zu diesem Artikel? Dann postet einen Kommentar.

Mike vom Mars Blog - mike-vom-mars.comAutor: Mike vom Mars
Mike emigrierte vor einigen Jahren von seinem Heimatplaneten auf die Erde, um das Leben am wohl seltsamsten Ort des Universums zu studieren. Seiner Bitte "bringt mich zu eurem Führer" wurde bisher nicht entsprochen.


 
Redaktionswertung: 4.5 / 5





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