Gesellschaftskritik

Warum sind Deutsche sprachlich so unkreativ?

Mike vom Mars Blog anglizismen deutsche kreativ kreativität muttersprache pseudoanglizismen sprachlich übersetzung
 
Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Goethe, Schiller, Morgenstern – der deutsche Kulturraum hat die begabtesten Sprachkünstler der Menschheit hervorgebracht. Und trotzdem waren die Deutschen immer schon für ihre sprachliche Unterwürfigkeit bekannt. Sie bedienen sich lieber bei anderen Sprachen, als ihre eigene zu benutzen. Woher kommt das?

Wer Influencer-Videos auf TikTok oder Youtube guckt oder GenZ-Podcasts hört, dem wird der folgende Slang wahrscheinlich ziemlich bekannt vorkommen:

🗯️„Yo, ich war gestern so completely blown away, weil die Chefin in dem Meeting einfach so driven war und direkt einen krassen Vibe gedroppt hat! Dennoch strugglete ich hart mit meinem Mindset, weil da plötzlich so ein spürbarer Drift zwischen unseren Goals war.

Wir waren aber ready für den nächsten Move, obwohl es davor im Team echt heftigen Beef gab, was die ganze Situation natürlich extrem spicy gemacht hat. Ich hab dann einfach einen kurzen Reset gebraucht und mir im Coffee-Shop einen Iced-Matcha-Latte mit Oat-Milk gegönnt, um meinen Focus direkt wieder zu boostern.

Am Ende war das Event ein absolutes Masterpiece, und ich konnte den Haters ganz casual zeigen, dass meine Performance einfach unmatched bleibt!“

Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Sprachgeschichte, dass Deutsche schon immer gerne mit anderen Sprachen gespielt haben -zuerst mit Latein, dann mit Französisch und nun ist das Englische an der Reihe.

Im Wandel der Zeit

Über ein Jahrtausend lang war Latein die unangefochtene Lingua franca (Verkehrssprache) Europas in Wissenschaft, Kirche und Recht. Als das Deutsche zur Schriftsprache ausgebaut wurde, gab es schlicht keine germanischen Wörter für abstrakte theologische, philosophische oder juristische Konzepte – der deutschen Sprache fehlte ein eigener Wortschatz. Während Frankreich seine Regionalsprachen früh mit dem Lateinischen zu einer neuen Landessprache verschmolz, existierten im deutschen Raum Latein als Gelehrten- und Deutsch als Alltagssprache jahrhundertelang parallel nebeneinander.

Im 17. und 18. Jahrhundert schließlich war Frankreich unter Ludwig XIV. die dominante politische und kulturelle Großmacht Europas. Der deutsche Adel ahmte dabei den Hof von Versailles nach. Französisch galt als die Sprache der feinen Gesellschaft, der Diplomatie und des guten Geschmacks. Wer etwas auf sich hielt, sprach Französisch, während Deutsch als Sprache des „einfachen Volkes“ galt. Aus dieser Epoche stammen Alltagswörter wie Büro, Trottoir, Cousin oder Niveau.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere mit dem digitalen Zeitalter kamen die prägenden Innovationen (Internet, Software, Popkultur, Finanzen) aus dem englischsprachigen Raum. Englisch gilt seitdem als die Sprache der Globalisierung und Innovation.

Was viele Deutsche in ihrer heutigen sprachlichen Unterwürfigkeit aber nicht wissen (oder vergessen haben): Das Deutsche Kaiserreich galt um 1900 als eines der weltweit führenden Zentren für Wissenschaft, Technik und Industrie (siehe auch: Deutsche Erfindungen, die die Welt veränderten!). Aus diesem Grund war ironischerweise Deutsch zu dieser Zeit die dominierende internationale Wissenschaftssprache der Welt – insbesondere in den Naturwissenschaften. Wer in der Spitzenforschung eine Rolle spielen wollte, musste zu dieser Zeit Deutsch lernen!

Auf der nächsten Seite: Warum sind Deutsche so übersetzungsfaul?

Alle Artikel
Diese Kategorie

 
Redaktionswertung: 0 / 5