Gesellschaftskritik

Warum sind Deutsche sprachlich so unkreativ?

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Goethe, Schiller, Morgenstern – der deutsche Kulturraum hat die begabtesten Sprachkünstler der Menschheit hervorgebracht. Und trotzdem waren die Deutschen immer schon für ihre sprachliche Unterwürfigkeit bekannt. Sie bedienen sich lieber bei anderen Sprachen, als ihre eigene zu benutzen. Woher kommt das?

Wer Influencer-Videos auf TikTok oder Youtube guckt oder GenZ-Podcasts hört, dem wird der folgende Slang wahrscheinlich ziemlich bekannt vorkommen:

🗯️„Yo, ich war gestern so completely blown away, weil die Chefin in dem Meeting einfach so driven war und direkt einen krassen Vibe gedroppt hat! Dennoch strugglete ich hart mit meinem Mindset, weil da plötzlich so ein spürbarer Drift zwischen unseren Goals war.

Wir waren aber ready für den nächsten Move, obwohl es davor im Team echt heftigen Beef gab, was die ganze Situation natürlich extrem spicy gemacht hat. Ich hab dann einfach einen kurzen Reset gebraucht und mir im Coffee-Shop einen Iced-Matcha-Latte mit Oat-Milk gegönnt, um meinen Focus direkt wieder zu boostern.

Am Ende war das Event ein absolutes Masterpiece, und ich konnte den Haters ganz casual zeigen, dass meine Performance einfach unmatched bleibt!“

Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Sprachgeschichte, dass Deutsche schon immer gerne mit anderen Sprachen gespielt haben -zuerst mit Latein, dann mit Französisch und nun ist das Englische an der Reihe.

Im Wandel der Zeit

Über ein Jahrtausend lang war Latein die unangefochtene Lingua franca (Verkehrssprache) Europas in Wissenschaft, Kirche und Recht. Als das Deutsche zur Schriftsprache ausgebaut wurde, gab es schlicht keine germanischen Wörter für abstrakte theologische, philosophische oder juristische Konzepte – der deutschen Sprache fehlte ein eigener Wortschatz. Während Frankreich seine Regionalsprachen früh mit dem Lateinischen zu einer neuen Landessprache verschmolz, existierten im deutschen Raum Latein als Gelehrten- und Deutsch als Alltagssprache jahrhundertelang parallel nebeneinander.

Im 17. und 18. Jahrhundert schließlich war Frankreich unter Ludwig XIV. die dominante politische und kulturelle Großmacht Europas. Der deutsche Adel ahmte dabei den Hof von Versailles nach. Französisch galt als die Sprache der feinen Gesellschaft, der Diplomatie und des guten Geschmacks. Wer etwas auf sich hielt, sprach Französisch, während Deutsch als Sprache des „einfachen Volkes“ galt. Aus dieser Epoche stammen Alltagswörter wie Büro, Trottoir, Cousin oder Niveau.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere mit dem digitalen Zeitalter kamen die prägenden Innovationen (Internet, Software, Popkultur, Finanzen) aus dem englischsprachigen Raum. Englisch gilt seitdem als die Sprache der Globalisierung und Innovation.

Was viele Deutsche in ihrer heutigen sprachlichen Unterwürfigkeit aber nicht wissen (oder vergessen haben): Das Deutsche Kaiserreich galt um 1900 als eines der weltweit führenden Zentren für Wissenschaft, Technik und Industrie (siehe auch: Deutsche Erfindungen, die die Welt veränderten!). Aus diesem Grund war ironischerweise Deutsch zu dieser Zeit die dominierende internationale Wissenschaftssprache der Welt – insbesondere in den Naturwissenschaften. Wer in der Spitzenforschung eine Rolle spielen wollte, musste zu dieser Zeit Deutsch lernen!

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Warum sind Deutsche so übersetzungsfaul?

Aber warum tun Deutsche sich so schwer damit, Wörter in die eigene Sprache zu übersetzen? Franzosen übernehmen Anglizismen deutlich langsamer und restriktiver als Deutsche und zeigen sich beim Finden eigener, kreativer Übersetzungen wesentlich systematischer. Während im deutschen Sprachraum englische Begriffe oft direkt und ungefiltert in den Alltag übernommen werden (Homeoffice, Storytelling, gecoacht), steuert Frankreich diesen Prozess sogar per Gesetz! Die offizielle Sprachkommission (Commission d’enrichissement de la langue française) entwickelt dabei gezielt französische Entsprechungen für technische oder gesellschaftliche Trends.

Deutsche sind hier deutlich schmerzfreier – oder eben fauler. Wenn im Englischen ein Begriff erfunden wird, scheint es für die meisten schlicht bequemer, das bestehende Wort einfach zu übernehmen, als aktiv ein neues deutsches Wort zu prägen, zu etablieren und gegen den Strom der globalen Kommunikation durchzusetzen.

Dabei hat das Deutsche drei große Stärken – drei „Superkräfte“ sozusagen, die es von anderen Sprachen abgrenzen:

  1. Zum einen ist Deutsch eine der vielseitigsten Sprachen der Welt: Deutsch erlaubt es, unendlich viele Begriffe spontan zusammenzufügen (Komposita), um exakt die gewünschte Situation oder Emotion einzufangen: Kummerspeck, Fremdschämen, Verschlimmbessern. Das Englische muss dafür meist lange Sätze bauen. Hier ist das Deutsche übrigens so genial und effizient, das man viele dieser deutschen Wörter direkt ins Englische übernommen hat.
  2. Dann erlaubt unsere Sprache auch noch feine Nuancen in Kasus und Modalpartikeln (halt, ja, eh, schon) und Vorsilben (ver-, ent-, zer-). So lässt sich eine Bedeutung extrem exakt steuern.
  3. Und schließlich verfügt Deutsch über ein riesiges Repertoire an Synonymen und bildhaften Metaphern.

Wer aus diesem unglaublich vielseitigen Werkzeugkasten keine eigenen Wörter bilden kann, hat schlicht zu wenig Bücher gelesen und kann mit Sprache einfach nicht umgehen. Dann ist es klar, das man aus Bequemlichkeit lieber den englischen Begriff übernimmt, als kreativ ein eigenes Wort zu suchen.

Deutsche Wörter sind so lang? Von wegen!

Viele sind auch der Meinung, deutsche Wörter wären zu lang – sie würden deshalb lieber kürzere englische Wörter benutzen. Aber stimmt das überhaupt? Mal sehen:

Influencer-Sprech und deutsche Übersetzung:
Das war so cringe!Zum Fremdschämen!
Ich bin so overwhelmed.Ich bin platt!
Main Character SyndromeRampenlicht-Attitüde
Das hat voll den Vibe.Das hat Flair!
Mental Health BreakAusszeit
GatekeepingGeheimniskrämerei
Fear of Missing outTorschlußpanik
Weight GainKummerspeck

Es stimmt also nicht, das deutsche Wörter wirklich „umständlicher“ oder länger sind. Das Englische wird oft nur deshalb als „kürzer“ wahrgenommen, weil seine Grundwörter (cat, dog, run, get) extrem kurz sind. Sobald es aber um komplexere Konzepte, Gefühle oder präzise Zustände geht, muss das Englische oft auf syntaktische Umschreibungen (Sätze mit Präpositionen) ausweichen.

Das Deutsche hingegen zieht hier die Begriffe zu einem einzigen, hochverdichteten Wort zusammen – und genau das ist seine Stärke: Flugscham. Kummerspeck. Weltschmerz. Schadenfreude. Engländer und Amerikaner lieben diese Wörter! Jedes einzelne diese extrem komprimierten Ausdrücke erzählt quasi eine ganze Geschichte! Die unendlich lange englische Umschreibung „a partner for a specific phase of one’s life“ lässt sich im Deutschen ganz einfach ausdrücken mit „Lebensabschnittsgefährte“.

Merke:

💡Für jeden Anglizismus gibt es ein perfektes deutsches Wort. Gibt es keins (unwahrscheinlich), erfinde eins!

Auf der nächsten Seite: So schön kann deutsche Sprache sein!

Ihr glaubt, Gedichte oder Prosa wären nur auf Englisch cool? Dann habt ihr einfach unter einem Stein gelebt und kennt die schönsten Beispiele deutscher Sprache nicht. Hier zum Ausklang ein Gedicht mit Gänsehautgarantie („with a goosebump guarantee“ – oops, die englische Übersetzung ist ja viel umständlicher!)

Rilke beschreibt darin einen Panther im Pariser Zoo (Jardin des Plantes), der hinter engen Gitterstäben eingesperrt ist. Für das kraftvolle Tier ist die Gefangenschaft fatal, weil sie ihn seiner Identität, seiner Wildheit und seiner Lebenskraft beraubt und er nur noch stumpf im Kreis herum tigert. Rilke beschreibt im Gedicht keinen körperlichen Schmerz, sondern eine tiefgehende psychische und existenzielle Zerstörung eines Geschöpfes, das sein wahres Wesen nicht mehr ausleben darf:

Der Panther – Rainer Maria Rilke

IM JARDIN DES PLANTES, PARIS

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Warum sind Deutsche sprachlich so unkreativ? Mike vom Mars Blog

Seltsam? Aber so steht es hier geschrieben... Ihr erbarmungswürdigen Erdenwürmer habt Fragen, Anregungen oder vielleicht sogar eine völlig andere Meinung zu diesem Artikel? Dann postet einen Hyperraum-Kommentar oder schickt eine intergalaktische Quanten-Mail (Hinweis: für intergalaktische Kommunikation fallen ggf. Roaming-Gebühren in astronomischer Höhe an).

Mike vom Mars Blog - mike-vom-mars.comAutor: Mike vom Mars
Mike emigrierte vor einigen Jahren von seinem Heimatplaneten auf die Erde, um das Leben am wohl seltsamsten Ort des Universums zu studieren. Seiner Bitte "bringt mich zu eurem Führer" wurde bisher nicht entsprochen.

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